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Blogpost aus Mora


2026-04-10

Die Schlacht bei Parisi – 3. Kapitel - Teil 3

1
„Wo sind unsere Dengs?“, brüllte eine Soldatin verzweifelt, während das Zerbröckeln drohte, in ein Zerbrechen überzugehen. „Bleibt zusammen!“, donnerte Eisenhauers Stimme. „Bildet ein Quadrat!“ Der Drill in den Knochen wollte schon Odette antreiben, dem Befehl zu folgen, doch die Furcht krallte sich an ihren Muskeln fest. Ein Quadrat zu bilden, sodass man keine ungeschützten Flanken hatte und man leichter die feindliche Kavallerie mit den Seitengewehren angreifen konnten, war die beste Taktik. Doch als sie die langen Mäuler der Mörderechsen immer näherkommen sah, verließ sie der Mut. Würden solche Ungeheuer überhaupt so kleine Klingen spüren? Konnte man damit die Schuppen unter ihrem Fell durchstoßen? Konnte sie  ohne ihre Muskete noch etwas mitausrichten? Der Zweifel daran, auf diese Frage eine mutmachende Antwort zu bekommen, nahm ihr jeglichen Kampfeswillen, sodass sie auf der Stelle kehrt machte. „Pardonne-moi! Pardonne-moi!“, wiederholte sie hierbei mehrmals, während ihr die Tränen über die Wangen liefen.
2
Beim Rennen blickte sie über ihre Schulter, hin zu den zurückgelassenen Kameraden und Kameradinnen. Die erste Mörderechse erreichte gerade das halbformierte Quadrat und stürzte sich, sich auf den Hinterbeinen auftürmend, auf die Soldaten, ohne Scheu, die stechenden Seitengewehre abzubekommen. Es schreckte nicht zurück und warf sein Gewicht auf die Soldaten, sie so mühelos umwerfend, als hätte die Mörderechse sich in ein Gebüsch fallen lassen. Das Herz der Wolfsfrau verkrampfte sich, als sie Kameraden zerfleischt werden sah. Doch ihre Schuldgefühle verschwanden sogleich unter Todesangst, denn einige der Mörderechsen wurden von ihren Reitern an dem Quadrat vorbeigeführt, wohl um die Fliehenden zu jagen. Fliehende wie sie und eine Mörderechse hielt genau auf sie zu.
3
Mit einem Aufschrei begann Odette, noch schneller zu rennen, den Blick nun nach vorn gerichtet, auf einen der Hügel, wo die Kanonen gestanden hatten. Bevor sie von der gefiederten Schlange weggespült worden waren, eine Untat, die nun auch der jungen Wehrsoldatin zum Verhängnis wurde. Denn das Wasser war den Hügel heruntergeflossen und hatte die zuvor trockene Erde aufgeweicht, sodass Odette ausrutschte und der Länge nach nach vorn fiel. Keuchend Erde ausspuckend und nur vom Gesicht hastig den Schlamm wegwischend, stand sie wieder auf. Da hörte sie es hinter sich: ein tiefes, zischendes Schnaufen, welches an einem harten Rachen schleifend aus einem tiefen Schlund herausechote. Sie machte einen Satz nach vorn, doch sie kam nicht weit genug.
4
Eine ungeheure Gewalt packte ihren linken Unterschenkel, messerscharfe Zähne tief durch Stoff, Haut und Muskeln direkt in ihren Knochen rammend. Ein Schmerz, den sich Odette nicht einmal in ihren schlimmsten Albträume erdenken konnte, brannte durch ihr Bein in den gesamten Leib hinein. Ihre Gedanken zerfielen zu einem blutroten Wirbel aus Reflexen, denen es allein um das Überleben ging. Doch wenig wussten sie auszurichten, dann gerade als die wild schreiende Wehrsoldatin ihre Finger in die Erde rammte, zwecklos versuchend sich aus dem Biss zu ziehen, wurde sie plötzlich in die Luft gerissen und umhergeschleudert, sodass auch ihr Blick umherschwankte wie eine Flagge im Sturmwind.
5
Vieles vernahm sie bruchstückhaft, während sie umherflog. Die Mörderechse, welche ihr Bein im langen Maul festhielt und beinahe vergnügt umhersprang, mit ihrem Fressen spielend. Deren Reiter, der sich fest an seinem Sattel festhaltend mit einem harten Ausdruck ihrem Leiden beiwohnte. Das Gebrüll des Drachens. Der eklige Geschmack der Erde, wenn sie in den Boden gerammt wurde. Ihre Kameraden, wie sie sich verzweifelt der Mörderechsen erwehrten. Ein schuppiges Monster, dessen Reiter in Flammen aufging. Die nun endlich daher gerannt kommenden Dengs der eigenen Seite. Noch ein Drachengebrüll, aber ein anderes. Und alles unterstrichen von dem Gefühl ihres Unterschenkels, der sich immer weniger wie ein Teil ihres Leibes und mehr wie ein Gestrüpp immer länger werdenden Schmerzes anfühlte.
6
Plötzlich riss dieser Faden mit einem Knall, der jegliches Gefühl in ihr verschlang. Nun flog sie durch die Luft wie ein blauer Vogel, der rote, flatternde Schwanzfedern hinter sich herzog. Doch dann knallte sie wie ein Stein in den Boden. Sie war auf dem Rücken gelandet, sodass sie die Mörderechse vor sich sah, die sie gepackt hatte. Und auf einen zwischen ihre langen Kiefer eingeklemmten Unterschenkel, auf dem sie kaute. Ob es ihr mundete, konnte Odette aufgrund der langen Pelzhaare, die die Augen der Bestie verdeckten, nicht sehen. Noch verstand sie nicht, wessen Bein dies war. Erst als sich inmitten des Schmerzes ihre letzten Kräfte ballten, auf dass sie sich etwas aufrichten konnte, fiel ihr Blick auf ihr linkes Bein. Welches nun unter dem Knie endete, verbunden mit Erde und Gras, besudelt von ihrem Blut. Erneut stieß sie einen Schrei aus, doch diesmal einen stummen, der in ihrem Inneren von einer kalten Taubheit gefangen gehalten wurde. Selbst als der Reiter seine Mörderechse vorantrieb und diese sich in ihrem Kriechgang näherte, ihr Fell dabei unheimlich anders schüttelnd als ein Deng, kam aus der Kehle der jungen Wehrsoldatin kein Laut. Nur ihre letzten Tränen trugen ihre Todesangst über die Wangen hinaus.
7
Erneut konnte man das Gebrüll des Drachens vernehmen. Odettes Sinne wurden zu sehr von ihrer Taubheit gedämpft, sodass sie es nicht bemerkte. Doch die Mörderechse hingegen erstarrte inmitten ihrer Bewegung, gerade, als sie nach der Wolffrau schnappen wollte. Und der Reiter drehte seinen Kopf zur Seite, zum Himmer hochblickend. Sein tiefer Schrei hielt nur einen Augenblick, bevor eine riesige, schwarze Gestalt vom Himmel herabgesegelt kommend ihr gesamtes Gewicht gegen die Mörderechse knallen ließ. Welches nicht gering gewesen sein dürfte, denn die Gestalt war mindestens doppelt oder gar dreifach so groß wie die Echse. Selbst durch den Dunst des Schmerzes konnte Odette die Knochen der Echsen brechen hören, während der Leib buchstäblich aufplatzte. Blutbeschmierte, behaarte Schuppen flogen wie Getreidekörner aus einem aufgerissenen Sack umher, von denen eine sich neben der Wolffrau in die weiche Erde grub. Nun durfte auch der aus dem Sattel gerissene Reiter am eigenen Leib spüren, wie es war, durch die Luft geschleudert zu werden. Und unsanft zu landen, wobei er sich wohl den Arm brach, denn den hielt er mit dem anderen fest, während er panisch davonrannte. Die schwarze Gestalt widmete ihm keine Aufmerksamkeit, sondern setzte seine Vorderbeine auf den Leib der Riesenechse, sich auf diesem wie auf einem Podest abstützend. Unter den schwarzen Schuppen zeichneten sich gewaltige Muskeln ab, während die Klauen sich herabfraßen, einen so starken Druck ausübend, dass der Bauch der Echse aufbrach und ihre Innereien herausfielen. Zugleich erhob die schwarze Gestalt ihren gehörnten Kopf und stieß ein mächtiges Drachengebrüll aus, welches das Gras um Odette herum als auch an ihre Ohren mitsamt Kettenhäubchen herunterdrückte. Zugleich weiteten sich die zwei weiß schimmernden Rückensegel und wedelten wie zwei wunderschöne weißen Schwingen.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 24. April 2026 veröffentlicht.

Admin - 09:42:45 @ Erzählung, Historische Stücke