2026-04-24
1
Ein atemberaubender Anblick, den Odette nicht glauben konnte, inmitten eines Schlachtfeldes zu sehen. Tatsächlich zweifelte sie an ihren Augen, denn konnte ihr tatsächlich Petite Houilles gerade das Leben gerettet haben? Der mutige, neugierige Jungdrache, der seit Jahren sich immer wieder einmal den Menschen um ihre Heimat herum näherte? Aber nicht, wie man sonst es von Drachen hörte, um das Vieh zu rauben. Sondern um stattdessen den Landsleuten einfach bei ihren alltäglichen Werken zu beobachten. Und dabei so lieb war, dass man ihn gefahrlos streicheln konnte und er sogar einem aus der Hand fraß, zumindest als er noch so klein wie ein Pferd gewesen war?
2
Drachen sagt man nach, dass sie sich nicht für die Belange von Menschen interessierten. Wie jedes Tier lebten sie nur einfach ihr Leben und jeder, der sie daran hinderte, wurde niedergewalzt oder gefressen. Doch als Petite Houilles Odette den Kopf zudrehte und sie mit seinen blauen, edelsteinklaren Augen ansah, wehte ihr etwas anderes, etwas tieferes als simple Animalität entgegen. Dementsprechend kroch sie nicht furchtsam zurück, sondern sah nur ehrfürchtig auf, als der Drache mit schweren Schritten zu ihr kam und sein Maul über ihren Beinstumpf hielt. Zwischen zweien seiner weißen Zähne sammelte sich Speichel an, der sich sogleich entzündete und als brennenden Tropfen herabfiel. Ehe die junge Wehrsoldatin reagieren konnte, musste sie schon aufschreien, als ihr Bein von Flammen eingehüllt wurde. Aber nur kurz suchte der ungeheure Schmerz sie heim, dann erloschen die Flammen wieder und ließen ihren Stumpf verbrannt zurück, schwarz verkohlt … und verschlossen. Odette starrte ihren Stumpf an, begreifend, dass die Wunde kauterisiert worden war. „Danke“, hauchte sie schwach, worauf der Drache sie ganz vorsichtig mit seiner großen Schnauze anstupste. Dann wandte er sich ab und stürmte los. Mit einem bestimmten Ziel, denn Odette sah, wie der Drache auf eine weitere Mörderechse zuhielt, welche eine Gruppe ihrer Kameraden bedrängte.
3
Sehr vertrauter Kameraden, wie es sich wenig später herausstellte, denn sie zogen sich vom Feind befreit direkt an ihr vorbeikommend zurück. „Odette!“, hörte sie Diego ausrufen und sah ihn zu sich hin eilend. Seine einst weiße Uniform war vollkommen blutverschmiert, doch er sah zumindest unverletzt aus. „Der Allgütige erbarme sich, dein Bein!“, stieß der Iberer aus, als er der am Boden Liegenden ganz ansichtig wurde. Der hinter ihm kommende Mathias brummte böse: „Ich wünschte, er wäre auch der Allheilende!“ Sofort hockte der Blutmagier sich neben Odette und begutachtet ihr Bein: „Was? Wer hat es kauterisiert?“ „Petite Houiles“, keuchte Odette. „Wer?“ Eisenhauers Stimme kam hinzu: „Ich denke, sie meint den Drachen.“ Als sie den Offizier sah, verengte sich ihre Brust, den Schmerz komprimierend. „Wer hätte gedacht, dass wir einen Drachen in der Hinterhand hatten die ganze Zeit“, murmelte Diego ungläubig, während Mathias die Wolffrau untersuchte. „Ich bezweifle, dass unsere Generäle das wussten“, schüttelte der Offizier den Kopf, um dann plötzlich innezuhalten. „Es ist aber ein Wink der Götter, den wir zu nutzen haben. Wir haben Anweisung, uns neu zu formieren und uns gegen den Angriff der Kemeten zu stemmen.“ „Was? Nein?“, protestierte Diego. „Wir müssen Odette in Sicherheit bringen.“ „Dafür ist keine Zeit“, beharrte der Offizier. „Wir werden jetzt kämpfen!“ „Geht!“, keuchte Odette. „Lass mich zurück. Ich habe es nicht anders verdient.“ „Mathias, wie geht es ihr?“, überging der Offizier ihren Einwand. Der Blutmagier hielt sanft Odettes Kopf mit der Hand hoch: „Nicht gut. Ihr Herzschlag ist schwach. Sie muss viel Blut verloren haben. Außerdem scheint sie sich eine oder zwei Rippen gebrochen zu haben. Vielleicht hat sie sogar innere Blutungen. Doch das kann ich so unmöglich sagen.“ „Verstehe. Hast du Blut zum Entbehren?“ „Ja.“ „Nein, nicht“, versuchte Odette erneut zu protestieren. „Lasst mich sterben. Lebt für euch …“
4
„Odette!“, sprach Eisenhauer sie nun direkt an und der Offizier kniete neben ihr, ihre Hand ergreifend. „Wir werden dich durchbringen.“ „Ich verdiene das nicht“, wehklagte Odette. „Ich war feige. Ich bin …“ „Ich weiß. Sah es“, unterbrach Eisenhauer sie bestimmt. „Doch das spielt jetzt keine Rolle. Alles, was jetzt zählt, dass du überlebst. Für morgen. Wir werden dich zurücklassen, aber nicht im Stich. Verhalte dich ruhig und stell dich tot, dann wird der Feind dich nicht finden. Wir kommen dich später holen, wenn der Sieg unser ist. Wenn der Morgen dämmert.“ Daraufhin schwieg Odette und ließ sich ohne weitere Widerworte von Mathias etwas von seinem Blut durch die Nase einreichen, worauf sie sich gestärkt fühlte. Sie sah die drei Männer nicht gehen, denn sie verschloss die Augen und versank sofort in eine Ohnmacht, die kleine Schwester des Todes.
Der nächste Teil der Geschichte wird am 08. Mai 2026 veröffentlicht.
Admin - 07:34:18 @ Erzählung, Historische Stücke