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Blogpost aus Mora


2026-05-08

Die Schlacht bei Parisi – 4. Kapitel - Teil 1

Die Schlacht bei Parisi – 4. Kapitel
1
Odette wusste nicht, wie lange sie ohnmächtig gewesen war, als sie unsanft durch eine schwere Erschütterung geweckt wurde. Sie schlug die Augen auf und ihr schwerer Blick fiel auf das Gras unter ihr, während sie sich selbst schwerelos fühlte. Erst als sie unsanft zurück auf den Boden knallte, wobei ihre Brust aufheulte, begriff sie, dass etwas sie eine Handbreit hochgeworfen hatte. Ehe sie aber auch nur versuchen konnte, zu erahnen, was, kam die Antwort in ihre Sicht gerollt. Die junge Wehrsoldatin schrie und kroch etwas zurück, durch den aufbrennenden Schmerz hindurch, als sie hoch über sich den kemetischen Drachen erblickte. Er war ganz nah, weniger als ein Steinwurf. Man konnte die einzelnen bunten Federn an seinem Haupt, die Zähne, von denen Blut herabtropfte, sowie die grauen Schlitzaugen erkennen, aus deren tiefen Spalten kalte Mordlust herausquoll. Mordlust, die Petite Houille galt, den Odette zu ihrem endlosen Schrecken eingeklemmt in dem langen Leib des gefiederten Drachens entdeckte. Dieselbe Kreatur, die sie gerettet hatte und so gewaltig majestätisch erschien, wand sich nun wie eine kleine Ratte im Würgegriff einer Schlange. Erst jetzt offenbarte sich für die Wolffrau die gewaltige Größe des kemetischen Drachen, denn er musste mindestens viermal so groß wie der schwarze sein. Sicher glich seine Länge dem eines jener Linienschiffe, mit denen die Allianz versuchte, den Flotten und Riesenkraken des Pharaos die Seeherrschaft von Moras Küsten zu entreißen. ‚Womit füttern man solch eine Bestie?“, konnte Odette nicht anders, als sich zu fragen. Erneut sollte sie schneller eine Antwort bekommen, als es ihr lieb war, denn als das Winden von Petite Houille erlahmte, reckte die gefiederte Schlange ihren Kopf zu ihm und riss weit ihr Maul auf. So machtlos wie eine Ameise blieb Odette nichts anderes übrig, als zuzusehen, wie der Jäger seine Beute verschlang.
2
Ein gleißendes Licht leuchtete den trüben Tag aus und warf sich auf die Schwanzspitze der gefiederten Schlange, jene wie ein in Öl getauchtes Tuch in Brand setzend. Der kemetische Drache riss seinen Kopf mit einem donnernden Gebrüll zurück. Genau in die Flugbahn des herabstürzenden Grande Houille, der den Schlangendrachen packte und mit sich riss. Wie ein flatterndes Band im Wind flog der Schlangenkörper durch die Luft, wobei sich der Würgegriff lockerte, sodass der schwarze Jungdrache freikam. Gleich einem achtlos losgelassenem Stück Kohle fiel der Jungdrache ins Gras, während die beiden größeren Drachen etwas weiter weg fielen, erneut die Erde zum Beben bringend. Die schlimmste Befürchtung fiel über Odette, doch da erhob sich Petite Houille und taumelte voran. Allerding waren die schönen, weißen Rückensegel des Drachens vollkommen zerfetzt worden. Ein furchtbarer Anblick.
3
Währenddessen hatten sich die beiden großen Drachen wieder aufgerichtet und bauten sich auf, sich gegenseitig mit Drohgebärden überschüttend. Die gefiederte Schlange flatterte mit ihren Kopffedern und zischte mit ihrer langen Zunge, während der schwarze Drache sich aufbäumte, seine beiden riesigen, roten Rückensegel ausbreitend und seinen Widersacher mit seinem verbliebenen blauen Auge anstierte.
4
Es war wahrhaftig Grande Houille. Der große schwarze Drache, der seit Jahrhunderten in dieser Gegend lebte und vor nicht allzu langer Zeit noch die Menschen heimsuchte. Angeblich färbte das Blut seiner Opfer seine Rückensegel, weshalb man ihn einst Aile de sang nannte. Erst als es einer Schar tapferer Männer und Frauen gelang, ihn in seiner Bruthöhle zu überfallen und ihm sowohl ein Auge auszustechen als auch seine Eier zu vernichten, begann der Drache, die Menschen in Ruhe zu lassen. Lange sah man nichts mehr von dem Drachen, bis eine Tages Petite Houille plötzlich erschien und sich ganz lieb den Menschen näherte. Da Drachen nun eine Rarität darstellten, die vom königlichen Dekret geschützt wurden, griff niemand den Jungdrachen an. Man erfreute sich stattdessen an seiner Drolligkeit. Zumal der Vater nicht immer weit weg war. Odette hatte ihn selbst schon einmal gesehen, als sie mit ihrer Familie den herbeigeflogenen Petite Houille willkommen hieß. Ihr Vater hatte ihre Aufmerksamkeit auf den nahen Wald gerichtet, worauf sie einen Schreck bekam, denn zwischen den Bäumen sah sie ihn, Grande Houille, hockend und sie wachsam mit seinem einzelnen blauen Auge beobachtend. Es war äußert unheimlich gewesen, wie eine so große Kreatur sich unbemerkt durch den Wald bewegen konnte.
5
Dementsprechend noch erschlagender wirkte nun das offene Auftreten des schwarzen Drachens, dessen Kopf tatsächlich so hoch über Odette thronte wie der der gefiederten Schlange. Dafür konnte der moranische Drache zwar nur die halbe Körperlänge vorweisen, doch dies minderte seine respekteinflößende Präsenz nicht.
6
Wieder einmal wurde die geplagte Wehrsoldatin von Intensivierungen ihrer ohnehin schon unermesslichen Schmerzen heimgesucht, als der Boden unter ihr zu beben begann. Grande Houille war, seine Rückensegel ausspannend, losgerannt. Wie ein Blitz ließ die gefiederte Schlange ihren langen Körper vorschnellen, versuchend den anderen Drachen mit dem Maul zu packen. Doch dieser ging bereits in den Dreisprung über und beim dritten erhob er sich in die Lüfte. Somit ging ihr Biss ins Leere, worauf die Schlange brüllte und zur Verfolgung ansetzte, indem sie ihren Kopf hochhob, ihren langen Leib streckend. Welcher nicht wieder herunterkam, sondern vom Kopf mit in die Luft gezogen wurde, so als würde die gefiederte Schlange auf einen unsichtbaren Hügel hochkriechen. Sogleich schlug die verbrannte Schwanzspitze ein letztes Mal auf das Gras, eine tiefe Wölbung hinterlassend, bevor der kemetische Drache ganz aufstieg.
7
Der Luftkampf zwischen den beiden Drachen dominierte den Himmel über dem Schlachtfeld. Odettes Sinne, die wegen der Schmerzen bereits geschmälert waren, richteten sich vollkommen auf die beiden Giganten zweier Kontinente. Zwar beteiligten sich weiterhin noch die Wyverreitern an der Konfrontation, doch sie griffen nur zaghaft in günstigen Momenten an, wohl befürchtend, zwischen die Drachen geraten zu können. Somit war es nahezu deren Kampf allein. Wobei es für die am Boden liegende Odette mehr wie ein Tanz anmutete. Einer, bei dem beide Akteure völlig andere Tanzstile vollführten. Denn während die gefiederte Schlange zwischen den Wolken schwamm, ließ sich Grande Houille fallen. Sein Fall offenbarte, dass es von Vorteil sein konnte, wenn man nicht getragen und damit zurückgehalten wurde. Denn der schwarze Drache erlangte damit eine ungeheure Schnelligkeit und schnitt so rasant durch die Lüfte wie die wesentlich kleineren Wyvern. Überaus schwerfällig wirkte da die gefiederte Schlange, wie eine Wolke im Himmel hängend, die versuchte, den Wind einzufangen. Wann immer Grande Houille zu einem Angriff überging, Zähne und Klauen im Sturz nach den langen Rückensegeln der Schlange schlagen ließ, war er bereits vorbeigeschwungen, ehe diese auch nur versuchen konnte, hinterherzubeißen. Doch andererseits musste der schwarze Drache tunlichst darauf achten, wo sein Fall ihn hintrug, denn die gefiederte Schlange verstand es, sich auf der Stelle zu verrenken und so ihren langen Leib rasch in den Weg zu rücken, sodass er drohte, an den Schuppen seines Gegners zu zerschellen.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 22. Mai 2026 veröffentlicht.

Admin - 13:42:29 @ Erzählung, Historische Stücke