o                          
 
Neues aus Mora





 

Blogpost aus Mora


2026-05-22

Die Schlacht bei Parisi – 4. Kapitel - Teil 2

1
So tobte der Tanz über Odette hin und her, beide Tänzer zumeist aneinander vorbei anstatt sich gegenseitig verletzend. Beide stießen einmal ihr Feuer und Wasser aus, doch verfehlten sie sich, worauf sie beide vom weiteren Speien absahen. Es schien, als könnte sie noch den ganzen Tag, ja vielleicht sogar in die Nacht hineintanzen. Doch da drehte die gefiederte Schlange ihren Kopf nach unten, direkt auf Odette. Zumindest ließ der Schreck sie das zuerst denken, doch ein panisch rollendes Brummen belehrte sie eines Besseren. Sie drehte mühsam ihren Kopf und sah Petite Houilles panisch sich aufklauben und davonhumpeln, in Richtung des nahen Waldes. Doch da öffnete die gefiederte Schlange bereits ihr Maul und ihr langes, goldenes Rückensegel begann unheilvoll zu leuchten. Schon begann Odettes Kehle zu brennen, sodass sie von einem heftigen Hustenanfall überwältigt wurde, während sich zwischen den Zähnen des kemetischen Drachen wuchtvolles Wasser ansammelte. Schon knallte die tödliche Fontäne heraus, direkt auf den Jungdrachen gezielt. Doch Odette wusste schon, dass eine offensichtliche Falle gestellt wurde, bevor Grande Houilles sich dazwischen stürzte.
2
Das Schwarz der Schuppen des moranischen Drachen verschwand unter der explodierenden Gischt. Doch sogleich sollte zumindest ein kleines Stück wieder für die Wolfsfrau schlagartig sichtbar werden, als eine zersplitterte Schuppe, so groß wie ihr Kopf, nahe ihr einschlug, was ihr erneut einen Schrei abgerungen hätte, wenn nicht ihr Hals schon wund geschrien wäre. Wenn man ihr heute Morgen offenbart hätte, dass sie zweimal an einem Tag von Schuppen fast erschlagen werden würde, sie hätte die Fahnenflucht früher angetreten. Dieses Gefühl wurde noch verstärkt, als das Wasser des Angriffes mitsamt den Drachen in ihrer Nähe so heftig herunterfiel, dass es zu ihr auf den Hügel hochschwappte und ihren Kopf kurz eintauchte. Glücklicherweise verlor das Wasser zu viel Schwung, als dass es sie mitreißen konnte und weil es wieder herabfloss, mussten sie auch nicht inmitten eines Grasfeldes ertrinken. Unglücklicherweise kam aber das Wasser mit dem Blut in Berührung, welche noch langsam aus dem aufgequetschten Bauch der Mörderechse herausquoll, und vermengte sich damit, sodass beim Abfluss eine furchtbare Brühe Odette streifte. Sie wünschte, sie wäre nie geboren worden.
3
Weiteres Drachengebrüll lenkte sie von ihrem eigenen Elend ab und sie erblickte Grande Houilles, der sich schützend vor seinem Sohn aufgebaut hatte. Sein rechtes Rückensegel fehlte beinahe vollkommen, abgesehen von ein paar abgebrochenen Knochen und traurig herabhängenden Fetzen. Zusammen mit den Schuppen seiner rechten Seite, sodass rotes, Blut triefendes Fleisch entblößt wurde. Der moranische Drache war eindeutig schwer verletzt und trotzdem bot er der landenden gefiederten Schlange weiterhin die gehörnte Stirn.
4
Der Kampf tobte am Boden weiter, doch diesmal sollte es ein Tanz zwischen einem Tänzer und einem Lahmenden sein. Grande Houilles’ einst flinke Regungen sahen nun sichtlich schwächer aus und seine Angriffe wurden leicht von dem kemetischen Drachen mit Schlägen durch den langen Körper abgewehrt. Zugleich konnte der schwarze Drache zudem nicht zu weit zurückweichen, weil dann die gefiederte Schlange ihre Aufmerksamkeit dem Jungdrachen widmete, der nur langsam fliehen konnte.
5
So kam es zum Unausweichlichen: Die gefiederte Schlange erwischte Grande Houilles und wand ihren langen Leib um ihn herum, ihn so in den Würgegriff nehmend. Mit ganzer verbliebender Kraft wehrte sich der schwarze Drache, versuchte mit seinen Klauen den Griff aufzureißen und mit seinen Zähnen zu einem Todesbiss anzusetzen. Doch die gefiederte Schlange ertrug das Kratzen und nutzte ihr eigenes Maul, um den Kopf des Gegners von sich wegzuhalten.
6
Odette, die dem Ganzen nur machtlos wie eine Ameise beiwohnen konnte, wusste auf einmal, dass sie das Ende sehen würde. Da würgte nicht nur einfach ein Drache den anderen. Vor ihren Augen begann die gefiederte Schlange das Kemetische Imperium zu verkörpern, welche dem schwarzen Drachen, der Allianz, das Leben auspresste. Sie wusste einfach, dass, wenn die gefiederte Schlange gewann, sie alle verloren sein würden. Das kemetische Heer würde sie schlagen und dann alles überrollen. Zuerst ihre Heimatstadt, dann Wendel und zuletzt ganz Mora. Alles würde enden. Der Morgen würde nicht dämmern.
7
Gerade als ihre Hoffnung starb, entdeckte Odette etwas. Jemanden, der wohl die ganze Zeit anwesend gewesen sein musste, aber von ihr nicht gesehen wurde, weil die gefiederte Schlange sich pausenlos wand. Doch nun, wo sie zum Würgen stillhielt, konnte die junge Wehrsoldatin ihn sehen: den Reiter. Auf der nahen Ferne war er etwas schwer zu erkennen, denn er schien eine Art Rüstung zu tragen, die in dasselbe Grün getaucht war wie die Schuppen des Drachens. Vielleicht hatte sie auch deshalb ihn da nicht am Rücken der Schlange, ein Stück unter dem im Kampf hochgehaltenen Kopf, bemerkt. Und wohl auch, weil sie nie im Leben erwartet hätte, dass er an seinem Drachen wie ein Floh hing. Warum fiel er nicht herunter? Anscheinend war der Reiter mit Ketten gesichert, doch Odette sah nicht, wo diese wiederum befestigt waren. Hatte man sie etwa im Fleisch des Drachens verankert? Und wie konnte er überhaupt so seinen Drachen lenken?
8
Viele Fragen, aber ein eindeutiger Gedanke: Wenn man den Reiter irgendwie töten könnte, könnte dies der gefiederten Schlange schaden. Dann hätte Grande Houilles vielleicht noch eine Chance. Doch wie sollte die von Schmerzen geplagte Odette, die zudem einen Unterschenkel verloren hatte, dies bloß bewerkstelligen? Zwar waren die kämpfenden Drachen näher als zwei sich gegenseitig beschießende Linienformationen, doch selbst wenn die Wolfsfrau noch ihre Muskete hätte, sie würde niemals …
9
Ihr Zweifel brach ab, als ihr ein Gedanke kam. Sie riss ihren Blick von dem Kampf weg und hin zu der toten Mörderechse. Tatsächlich. An dem Sattel baumelte an einem Ring gesichert ein Karabiner über dem unversehrten Rücken des auf der Seite liegenden Leichnams. So war sie verschont geblieben von einem Zerschmetternwerden durch die Klauen des Jungdrachens sowie einem Besudeln durch Blut und Wasser. Ehe sie sich zu einem Vorhaben entschließen konnte, hatten ihre Hände von selbst begonnen, ihren geschundenen Leib durch die aufgeweichte Erde zu ziehen.
10
Eigentlich galt es nur ein winziges Stück Weg zu überwinden, da sie schließlich direkt vor dem Kopf der Mörderechsen gelegen hatte. Doch ihr Stumpf bestrafte sie jedes Mal mit einem scharfen Schmerz, wenn sie ihn hinterherzog, und etwas in ihrer Brust stach sie mit jedem Atemzug. Die stetige Qual streckte den kurzen Weg zu einer elenden Weite.  So wie sie sich nun selbst über den Boden zog, musste sie tatsächlich an ihren kleinen Bruder Olivier denken. Ein lieber, aber auch ungestümer Heranwachsender, der als Junge oft zu kindlicher Grausamkeit neigte. Denn sein liebstes Spiel war es gewesen, einen Schöpfergott zu spielen, indem er einen armen Regenwurm ausgrub und diesen dann mit einem Messer teilte, auf dass aus eins zweie wurden. Odette konnte dies nicht ausstehen und hatte immer heftig mit ihrem Bruder geschimpft. Doch wenn sie nun an den Wurm dachte, wie dieser zusammen mit seinen neunen Artgenossen nach der Teilung einfach davonkroch, sich Schmerz und Tod verweigernd, so inspirierte es sie auf eine bizarre Art und Weise, sodass ihr eigener Kriechgang geschwinder wurde.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 05. Juni 2026 veröffentlicht.

Admin - 07:55:15 @ Erzählung, Historische Stücke