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Blogpost aus Mora


2026-06-05

Die Schlacht bei Parisi – 4. Kapitel - Teil 3

1
Nun endlich kam sie an dem Kopf der Mörderechse vorbei, ihn zögerlich und ängstlich im Auge behaltend. Ihr Verstand erschloss sich zwar mühelos, dass eine Kreatur, deren Eingeweide so viel frische Luft bekamen, tot sein musste. Doch ihre Angst wuchs trotzdem beim Näherkommen, da nicht nur die Augen, sondern auch die Zähne der Bestie unter dem langen Haar verborgen blieben. Könnte die Mörderechse nicht gleich ihren Kopf erheben, sie fies angrinsen und dann zuschnappen? Solche Gedanken erschwerten das Anfassen des Leichnams, vor allem, da Odette nun durch das Blut kriechen musste. Doch sie hatte keine Wahl, da die Drachen auf der anderen Seite kämpften.
2
Ihre Finger ergriffen den Sattelgurt, der glücklicherweise nicht von Petite Houilles Klauenangriff zerrissen worden war, da er direkt entlang der Brust und hinter den Vorderbeinen verlief. Diesem glücklichen Umstand war es zu verdanken, dass der Sattel beim Umkippen der Mörderechse nicht herunterrutschte und der Karabiner in dem Matsch fiel. Allerdings war dafür jener Gurt zerfetzt worden, der den Sattel nach hinten hin mit dem Schwanz verband, wohl damit er nicht beim Kriechgang verrutschte. Dessen Fehlen spürte Odette als Wackeln des Sattels, während sie sich verbissen mit ihren Händen hochzog, wobei ihr verbliebener Unterschenkel sie abdrückte, wobei er ins offene Fleisch des Leichnams trat. Blut und die Götter allein wussten was noch flossen ihr in den Stiefel, während sie über die Schuppen kletterte. Endlich konnten sich ihre Hände auf den Zwiesel – oder wie auch immer die Kemeten ihn nannten – legen und vorsichtig ertasteten sie das Gewehr. Halb stehend, halb liegend löste Odette den Karabiner aus den Ringhaken und richtete ihn, den Sattel als Schützenstand nutzend, aus. Sie verschwendete keine Mühe und Sorge für das Nachsehen, ob das Gewehr überhaupt geladen war, abgesehen von dem Rückziehen des Hahns. Ihre Munition in der Hüfttasche war sicher nass geworden und hätte vielleicht gar nicht in die kemetische Waffe gepasst. Außerdem, so wie sie letzte Kräfte zusammenzerren musste und einer weiteren Ohnmacht nahe war, hätte sie sicher nicht die Waffe laden können. Schlimmstenfalls wäre sie am Ende noch ihr ins Gesicht explodiert. Nein, alles, was sie noch tun würde, war es, den Abzug zu tätigen.
3
Sie hing ihr tränendes Auge vor dem Visier des Karabiners und richtete es auf den Reiter der gefiederten Schlange. Fast hätte sie schon den Abzug gedrückt, da fiel ihr ein, dass sie höher zielen musste. Aber wie hoch? Eine Frage, deren Antwort nichts genutzt hätte, denn Odette konnte nur mit allergrößter Mühe den Lauf heben und musste somit mit einer geringen Erhöhung auskommen. Ehe ihre Arme erlahmen konnten, krümmte sie ihr Finger.
4
Der Schaft des Karabiners schlug ihr gegen die Brust. Ihr verbliebenes heiles Bein konnte nicht allein die Wucht abfedern und knickte ein, sodass Odette nach hinten umkippte, in den Blutmatsch hinein. Ein stumpfer Schmerz pochte durch ihren aufschlagenden Hinterkopf, doch sie verlor nicht das Bewusstsein, sodass sie sah, wie die gefiederte Schlange ihr den Kopf zudrehte. Wobei sie den schwarzen Drachen losließ. Und dieser zögerte keinen Moment, sondern biss mit neuer Wildheit dem kemetischen Drachen in die Kehle. Sofort begann eine heftige Gegenwehr, doch Grande Houilles ließ es überhaupt nicht mehr auf einen Kampf ankommen. Stattdessen leuchtete sein verbliebenes Rückensegel rot auf und unter den Schuppen seines Halses kroch ein grelles Leuchten heraus.
5
Zuerst brach der Hinterkopf der gefiederten Schlange wie eine Eierschale und die Flammen sowie das Gehirn ergossen sich wie Eigelb und Eiweiß heraus. Dann weiteten sich die Schlitzaugen zu Lampenscheinen, bevor sie ganz zerplatzen. Die Federn verbrannten wie Zunder, bis letztendlich der gesamte Schädel in einer Feuersbrunst verschwand. Beide Drachen fielen aus Odettes Sicht, sowohl der kopflose als auch der schwarze. Auch ihre Lider fielen und zum ersten Mal an diesem Tag stieß sie einen erleichterten Seufzer aus. Sie verstand nicht, was genau passiert war, doch sie wusste, dass der Morgen dämmerte.
6
Worte rissen sie aus ihrer wohligen Seligkeit heraus und ihre Augen auf. Ihr Herz blieb stehen, als sie ihn um den Kopf der Mörderechse herumschreiten sah: den Reiter. So nahe, wurde nun ersichtlich, dass seine Rüstung nicht nur in der Farbe, sondern auch in der Form dem Drachen nachempfunden war, denn sie wirkte so, als bestünde sie selbst aus Schuppen. Vermutlich hatte der Reiter auch einen Helm, der dem Kopf eines Drachens ähnelte, getragen, doch den hatte er wohl verloren, denn die Wolffrau konnte seine bronzenen Züge sehen, die vor Zorn glühten. Er brüllte etwas in einer vollkommen fremden Sprache, während er mit einer wuchtigen Waffe in seinen Händen nähertrat. Ein stählernes Sägeschwert, erkannte sie. Eigentlich ähnelte es aber mehr einer Keule, in deren Seiten zahnartige Klingen eingearbeitet waren, so ähnlich wie bei einem Sägeblatt, nur ringsherum. Schon stand der Reiter über ihr und holte mit dieser Waffe über seinem Kopf aus. Wehmut ergriff Odette, doch tapfer hauchte sie in ihrer Muttersprache: „Dieser Morgen wird auch für dich nicht dämmern.“
7
Mit einem Knall blühte auf der Stirn des Kemeten eine rote Blume. Ein stumpfer Schmerzensschrei kroch aus der bronzenen Kehle und das Sägeschwert entglitt den Fingern, auf dass es auf die Schulter knallte und anschließend den stählernen Rücken scheppernd herunter schlitterte. Dann stürzte der Reiter wie ein einfallender Turm um.
8
„Götter hilf! Odette!“, hörte sie jemanden rufen. Sogleich kam Mathias in ihre Sicht, gehetzt, aber nun auch erleichtert: „Ich danke den Göttern, du lebst!“ „Wer hat den Reiter erledigt?“, fragte eine hinterher geeilt kommende Soldatin, eine braunfellige Katzenfrau, die sogleich von dem Blutmagier angefaucht wurde: „Das ist zweitrangig. Wir müssen uns um Odette kümmern!“ „Meine Güte, die sieht furchtbar aus!“, meinte der Dritte dazukommende. „Lebt die noch?“ „Ja, und daran wird sich nichts ändern, solange ich atme!“, donnerte Mathias und kniete sich neben Odette. „Wasser! Ich brauche Wasser!“ Weitere Soldaten eilten herbei und einer reichte ihm eine Trinkflasche. Sanft hielt er ihren Kopf mit der einen, während er mit der anderen ihr Schlamm und Blut aus dem Gesicht goss. „Das wird schon wieder. Wir werden dich aufpäppeln“, flüsterte er ihr zu, nur um dann von einer weiteren Stimme übertönt zu werden: „Odette!“ Eine grüne, lange Gestalt erschien, die Odette allein an ihrer Stimme als Latifa erkannte. „Bastet Dank! Schuss kam an!“, äußerte diese, während sie um den Leichnam des Reiters umher schlängelte. „Dann hast du also Odette gerettet?“, fragte Mathias, während er der Wolffrau die Innenohren frei goss. „Gut gemacht.“ Seinem Lob widmete die Lamia wenig Aufmerksamkeit, denn sie senkte sie nun auch zu Odette herab, sich wenig darum scherend, dass sie ihre grüne Tarnung besudelte und ergriff deren Hand: „Gut. Alles Gut. Im Morgen.“
9
Dies entlockte Odette ein Lächeln und sich nun endlich geborgen fühlend, so umgeben von ihren Kameraden und Kameradinnen, ließ sie die letzten Kräfte los und sank nahezu willig in die Ohnmacht.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 19. Juni 2026 veröffentlicht.

Admin - 16:13:03 @ Erzählung, Historische Stücke