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Blogpost aus Mora


2025-11-07

Der Säugling - Kapitel 2 - Teil 4

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Doch so oft animalischer Instinkt den vernünftigen Blick ausgestochen hatte, etwas später konnte er ebenfalls nur Ratlosigkeit erschnüffeln. „Der Bursche riecht nicht hohl, aber irgendwie komisch“, vermeldete Woldemar, nachdem er den Jüngling, dem das Blut in zwei Strömen aus dem Mund floss, beschnüffelt hatte, was dieser mit einem nervösen Blick gewähren ließ. Einem Blick, der für die ungeschliffenen Augen Sangunines wahrhaftig ausfiel. Dasselbe galt aber anscheinend auch für geschliffene Augen, denn ihr Ordensbruder Paladin Ludwig fügte, seinen Sehschlitz zu dem Ordensvater drehend, hinzu: „Auch ich vermag nicht Falschheit zu erkennen. Da ist etwas Eigenartiges an dem Jüngling, doch es erscheint mir kein Trug zu sein.“ Trotz der Ungewissheit in diesen beiden Urteilen blieben die christlichen Soldaten und die bärtigen Nordmänner gelassen, während sie weiterhin hier in einer der Hauptkammern des unterirdischen Versteckes den angeblichen Vampir und die Eichhornfrau mit dem Säugling umringten. Es wäre nicht das erste Mal, dass einem der Opfer der Vampire aufgrund der nahezu endlosen Dunkelheit seiner Gefangenschaft der Verstand abhandengekommen war, und dieses begann, sich selbst für ein Vampir zu halten. Auch die Nonne hätte dies für naheliegend gehalten, wenn da nicht diese komische Verletzung in dem Mund des Jünglings wäre. Dieser behauptete, sich selbst die Fangzähne ausgerissen zu haben, und er hatte sogar seinen Mund weit aufgerissen, um zu zeigen, dass seine menschlichen Zähne unversehrt waren, was seiner Behauptung durchaus Gewicht verlieh, denn Sanguine wusste nicht, wie er sonst sich diese Verletzung hätte zufügen können. Und dann war da natürlich noch die in dem rechten Auge des Jünglings steckende, goldene Spindel.
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Ähnliche Gedanken schien auch Ordensvater Berthold zu hegen. Mit einem festen Blick die Lage vor sich erfassend und mit seinen in dem Metall eines Panzerhandschuhes gekleideten Fingern durch seinen ergrauten Bart streichend, überlegte er tief, bevor er auf zweie der Soldaten deutete und befahl: „Ihr beide. Geht in die Vorratskammern und sucht mir eine Eisenstange oder etwas ähnliches. Etwas, was man nur mit unmenschlicher Kraft verbiegen kann.“ Sofort gehorchten die beiden Soldaten, schritten aber nur behutsam aus der Hauptkammer heraus. Auch wenn bereits die Vampire entweder erschlagen worden waren oder, wie im Fall des Barons bedauerlicherweise, durch die in die Unterwelt führenden Tunnel geflohen waren, so konnte sich immer noch ein Blutsauger oder ein Ghul in einer finsteren Ecke verbergen. Vorsicht war immer noch geboten, sodass es einiger Minuten bedurfte, bis die beiden Soldaten zurückkehrten. Auf einem Wink des Ordensvater hin warfen sie die Eisenstange dem Jüngling vor die Füße. „Nimm sie und verbiege sie“, forderte der Ordensvater. „Wenn du wahrhaftig ein Vampir bist, denn solltest du es ohne Mühe können.“ Unsicher hob der Jüngling die Stange auf und hielt sie an den beiden Enden fest. Dann drückte er. Mit einem schrillen Schrei verbog sich das Metall nahezu widerstandlos, direkt gefolgt von einem lauten Knacken, als die Fingerknocken am unteren Punkt des neuen Bogens aufeinanderprallten. So stark sogar, dass der Jüngling einen wahrhaftigen Schmerzensschrei ausstieß. Etwas, was ein Vampir nicht tun würde.
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Doch der Jüngling hatte eindeutig die unmenschliche Kraft eines solchen. Die Soldaten und Krieger um ihn herum verloren ihre Gelassenheit und hielten nun mit festem Griff ihre Schwerter, Äxte, Hämmer und Speere ihm entgegen, bereit, ihn zu zermalmen. Auch Paladin Ludwig hielt sein Schwert bereit, während Woldemar seine Axt erhob. Fast schon wäre der Berserker auf den Jüngling losgegangen, wenn der Ordensvater sie nicht alle mit fester Stimme zurückgerufen hätte. Den Jüngling im Auge behaltend, wollte er wissen: „Du bist also wirklich ein Vampir. Doch deine Menschlichkeit ist nicht erloschen. Dir ist absolut kein Schimmer bewusst, warum dies so ist?“ „Ich kann nur mutmaßen, dass Friggas Gunst mich zurückgeholt hat“, erwiderte der Jüngling und er tippte an das Amulett in seinem Auge. Der Blick des Ordensvater wanderte weiter, hinter den Jüngling hin zu der Eichhornfrau: „Und auch du, junge Mutter, weißt kein Licht in dieses Dunkel zu bringen?“ „Verzeih mir, das vermag ich wirklich nicht“, erwiderte diese, wobei sie ihr Kind näher an sich drückte und zudem ihren buschigen Schwanz über es zog. Bei Sanguine weckte es den Eindruck, dass die junge Mutter mehr Angst vor den Templer und Krieger hatte, als vor dem Vampir, hinter dem sie immer noch nicht hervorkam.
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Vielleicht gab es einen Grund dafür, denn Paladin Ludwig verkündete sogleich laut: „Ordensvater, diese Frau lügt. Sie verbirgt etwas.“ „Nein, ich sage nur die Wahrheit!“, erwiderte die junge Mutter mit einer sich überschlagenden Stimme, die nun auch Sanguine ahnen ließ, dass diese log. „Halte uns nicht zum Narren, Weib“, fauchte der Paladin, wurde aber sogleich von dem Ordensvater zurechtgewiesen: „Beherrsche dich, Bruder Ludwig. Du hast eine arme, geplagte Mutter vor dir, die sich kaum noch auf den Beinen halten kann.“ „Aber … Verzeih, Vater Berthold“, gab der Paladin nach, sodass der Ordensvater sich wieder dem Vampir widmen konnte: „Es tut mir leid, mein Junge. Ich sehe Aufrichtigkeit in dir, doch wir können keinen Vampir über Erden wandeln lassen. Wir müssen dich niederstrecken. Allein unsere Gebete, damit deine Seele zurück zu Gott finden möge, können wir dir versprechen.“ Die junge Mutter schnappte nach Luft: „Nein, es muss doch einen anderen Weg geben!“ Der Vampir hingegen erwiderte aber wehmütig: „Es ist … auch in meinem Sinn. Ich will niemandem etwas antun und ich danke den Göttern, dass es nicht dazu gekommen ist.“
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Ein kurzes Zögern. „Ich weiß, dass ich in meiner Lage keine Wünsche wohl äußern darf, …“ „Dann sei still und lass dich niedermachen!“, donnerte Woldemar und der Berserker machte Anstalten, erneut auf den Vampir loszugehen. „Lass den Jungen aussprechen“, donnerte der Ordensvater mit seiner Autorität, worauf der Berserker mit gesenktem Kopf zurückwich. Sanguine konnte nicht anders, als sich kurz der Sünde des Neides hinzugeben, denn sie wünschte, sie könnte ebenfalls diesen Barbaren so kurz und bündig zum Schweigen bringen. „Wie lautet dein letzter Wunsch?“, forderte der Ordensvater den Vampir zum Weitersprechen auf, worauf dieser offenbarte: „Ich will noch einmal die Sonne sehen.“ „Die Sonne wird dich aber verbrennen, du weiß das, nicht wahr?“ Sanguine musste schlucken, denn sie hatte bereits Vampire im Sonnenlicht vergehen sehen. Dies waren die einzigen Male gewesen, als sie solche Kreaturen unwirkliche Schmerzensschreie ausstoßend gehört hatte. Der Vampir nickte nur: „Ja und ich werde das hinnehmen.“

Der finale Teil der Geschichte wird in zwei Wochen, am 21. November 2025, veröffentlicht.

Admin - 09:06:35 @ Erzählung, Fiktion in Fiktion | Kommentar hinzufügen