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Neues aus Mora





 

Blogpost aus Mora


2025-12-05

Die Schlacht bei Parisi – 1. Kapitel - Teil 1

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„Du solltest weglaufen, Odette.“ Zuallererst vernahm die junge Wehrsoldatin in Uniform diese Worte gar nicht, während sie mit ihrem bunt zusammengewürfelten Haufen Kameraden um das kleine Lagerfeuer kauerte, welches ihnen mehr als nur etwas Wärme an diesem trüben Herbstmorgen bot. Zumindest der jungen Wolffrau half es, ihren Blick mit seinen tapfer flackernden Flammen und der glühenden Asche gefangen zu halten, sodass sie nicht hochblicken musste. Denn sonst wären ihre Augen zwischen den Zelten des Feldlagers hindurchgeglitten und hätten ihr den Anblick des auf den nahen Hügeln liegenden Lagers der Kemeten angetan. Welches mindestens doppelt so groß war wie ihres. Schlimmer war nur, was Odette hinter sich erblicken würde, sollte sie über ihre Schulter schauen.
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Deshalb drehte sie ihren Hals nur so wenig wie möglich zu Diego, wobei ihr die Wolldecke etwas von den Schulterbesätzen herunterrutschte. Ihre Muskete mit der Linken festhaltend, rückte Odette mit der Rechten die Decke wieder zurecht, sodass die morgendliche Kühle ihr nicht in den Rücken fiel, und fragte den sonnenverbrannten Iberer: „Comment?“ Sie merkte, dass sie aus Versehen auf Gallisch gefragt hatte, obwohl im Feldlager Teutonisch gesprochen werden sollte. Hastig trieb sie ihre müde Seele an, das richtige Wort zu finden, doch ihre Gedanken stolperten. Eigentlich sollte sie ein grundlegendes Verständnis der Hauptsprache ihres Heimatlandes Wendel haben, doch wie für die allermeisten Landbewohner stellte das Gallische ihre Muttersprache dar. Der Sprachunterricht in der kleinen Schule ihres kleines Heimatstädtchen war mehr als dürftig gewesen und Odettes Eltern verspürten nie das Verlangen, dieses Problem anzugehen. Als Weber auf dem Land würden man nicht die aufgezwungene Sprache der Stadtbewohner benötigen. Odette wusste nicht einmal, ob diese überhaupt ein Wort Teutonisch sprachen.
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Somit trug ihre durch Müdigkeit geschmälerte Aufmerksamkeit nicht allein die Schuld an ihrem Unverständnis. Denn auch wenn sie die Aufforderung zum Laufen verstand, begriff sie nicht, worauf der Iberer hinauswollte. Riet er ihr, mit Ertüchtigung ihre schweren Glieder freizuschütteln? Diego bemerkte ihre Verwirrung und über seinen müden Augen runzelte sich die Stirn. Seine Seele grub vermutlich im vertrauten iberischen Wortschatz nach den richtigen teutonischen Worten, die sogleich aus seinem Mund gepurzelt kamen: „Fliehen … Abhauen … Weiche dem Schlachtfeld, Odette. Frauen sollten nicht im Krieg kämpfen. Das ist Männersache.“ Odette stöhnte, als es nun eindeutig wurde, dass der Iberer erneut auf jene alte Masche aufspringen wollte, die er durchgehend beritt seit seine Kompanie mit Odettes zusammengelegt worden war. Soweit sie wusste, stellte das iberische Heer eines der wenigen in der Allianz dar, welches sich noch nicht für Frauen geöffnet hatte. Wenig überraschend, so frauenfeindlich das christlich geprägte Iberien war. Dementsprechend wenig Respekt brachte der iberische Soldat, an dessen Uniformjacke ein kleines hölzernes Kreuz festgenäht war, den anderen Soldatinnen entgegen, wobei er sich aber aus irgendeinem Grund an Odette festgebissen hatte. Was ihrem ohnehin schon angegriffenen Gemüt weiter zusetzte, auch wenn sie spürte, dass Diego es nicht wirklich bösartig meinte. So fehlgeleitet sein Verhalten auch war, konnte sie ihm nicht wirklich zürnen und beließ es deshalb allein bei einem Stöhnen.
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Leider reagierte nicht jeder so zurückhaltend, wie ein zorniges Brummen auf Teutonisch sogleich verkündete: „Halts Maul, Kreuzlecker. Und lass Odette in Ruhe.“ „Wie bitte?“, erwiderte Diego und zog seinen Blick weg von der junge Wehrsoldatin hin zu dem auf ihrer anderen Seite sitzenden Mathias. „Du verstehst mich schon richtig“, fauchte dieser weiter. „Das letzte, was wir vor der Schlacht brauchen, ist dein dämlicher Sexismus. Odette hat wie jede Frau hier das Recht, für ihr Heimatland und für die Allianz zu kämpfen.“ Die Stimme des aus Vitrotis stammenden Blutsanitäters wurde mit jeder Silbe lauter und zog die Aufmerksamkeit der anderen Soldaten auf sich. Sogleich schnellte eine weibliche Stimme hinüber: „Ja, bring diesen Narren zum Schweigen. Bevor er noch über seinen ach so allmächtigen Gott labert.“ Zustimmendes Gemurmel erklang, wurde aber zugleich von Protesten von den anderen iberischen Soldaten durchstochen. Dies ermutigte wohl Diego dazu, sich zu erheben, was ihn der Magier gleichtat.
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Was Odette erneut stöhnen ließ. Denn Mathias‘ Masche hingegen war jene, ungefragt zu ihrem Schutz zu kommen und sich mit Diego zu streiten. Mit ihm sozusagen auf ihren Maschen um die Wette zu reiten. Sie wunderte sich, ob da eine angeborene Abneigung eine Rolle spielte, denn auch wenn es eine Ewigkeit zurücklag, so hatten nicht alle Magier Vitrotis’ dem Iberischen Königreich die Hexenjagd vergeben. Was auch immer aber Mathias Motivation darstellte, Odette wünschte, er würde es einfach ruhen lassen. Denn sonst war er ein äußert freundlicher Mensch. Als Mitbürger, der in einer großen Stadt aufgewachsen war, erwies sich sein Teutonisch wie zu erwarten als ziemlich gut und sein Gallisch war verständlich genug, auch wenn es aufgrund eines fehlenden Akzentes für Odette sehr geschliffen klang. Gemeinsam hatten sie den Drill ihres Wehrtrainings durchlitten, wobei er ihr als Übersetzer half.
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Dass sie überhaupt nun dem Streitgespräch zwischen den beiden halbwegs folgen konnte, hatte sie damit Mathias zu verdanken. Was sich im Moment aber wie ein Fluch anfühlte, denn sie hätte es vorgezogen, wenn dieser sinnlose Streit bedeutungslos an ihre großen, befellten Ohren vorbeigehuscht wäre. Doch stattdessen zog er an diesen, ein Jucken hinaufbeschwörend, welches Odette sogleich ihre freie Hand hochgleiten ließ. Allerdings stieß ihr ausgestreckter Zeigefinger nur in Luft. Die Rüstmeisterin beschwor auf alle Götter und guten Geister, dass die kleinen Kettchenhauben, welche man an Odette und die anderen Mischmenschen mit großen Ohren ausgegeben hatte, jede Musketenkugel abprallen lassen würden. Doch bereits in ihrer ersten Schlacht donnerte Odette ein Schuss gegen das Ohr und zerriss sowohl jenes als auch die Kettenringe darüber wie Wolle. Und hinterließ ein Loch, das aus irgendeinem Grund immer noch juckte, weshalb Odette die Luft kraulte. Was tatsächlich half.
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„Seid ihr alle hier wirklich so schwach und feige, dass ihr eure Frauen kämpfen lassen müsst? Die zartesten Geschöpfe Gottes?“, klagte Diego sowohl Mathias als auch die anderen wendelischen Soldaten an. „Hör auf mit deiner ausgeleierten Predigt!“, rief sogleich einer von ihnen und eine Soldatin – Odette glaubte, es war dieselbe wie zuvor – fügte laut hinzu: „Ja, sonst zeige ich dir, wie ‚zart‘ ich bin. Indem ich dir dein elendes Kreuz in den Hals ramme. Dann kannst du als Kreuzschlucker mit den Spielleuten ziehen.“ Ein Spielzug wäre Odette im Moment lieber als dieser Feldzug. Wobei die Soldaten um sie herum vermutlich nicht weniger bunt zusammengewürfelt waren als ein Haufen Gaukler. Schließlich hatten sich hier Mitglieder von Kompanien versammelt, die aus mehreren Ecken Moras stammten und dementsprechend unterschiedliche Uniformen trugen. So kontrastierte das Blau von Mathias Uniformjacke das Weiß Diegos, während er, von den Zurufen ermutigt, gegenpredigte: „Genau. Hier in Wendel sind Frauen nicht unsere Sklaven. Sondern Gleichgestellte mit den gleichen Rechten und Pflichten. Da könnt ihr Christen uns noch so oft in den Rücken fallen, daran werdet ihr nie rütteln können.“ „Vergleiche uns nicht mit den Ketzern eures Landes“, stieß Diego zurück, unterstützt von einer Salve wütenden Gebrülls seiner Kameraden. „Wir von Iberien sind Gott, Vaterland und Mutterallianz treu ergeben.“ „Das haben auch unsere Christen behauptet“, verschränkte Mathias die Arme. „Bevor sie unseren König die Seele zerblitzten und …“
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„Seid doch endlich still!“, stieß die zwischen den beiden Männern kauernde Odette verzweifelt aus. „Gönnt mir die Ruhe unserer letzten Stunden!“ Auch wenn ihre Worte auf Gallisch knallten und somit vermutlich nicht von allen verstanden worden waren, erstickte es jegliches Gemurmel um sie herum. Erst die furchtsamen Blicke, die so mancher ihr zuwarf, ließen Odette merken, was genau sie da gerade gesagt hatte. Doch sie war zu müde für Reue und seufzte nur resigniert. Schließlich lieh sie nur dem Unausweichlichen ihre Stimme.

Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen am 19. Dezember 2025 veröffentlicht.

Admin - 10:32:37 @ Erzählung, Historische Stücke | Kommentar hinzufügen