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Blogpost aus Mora


2025-03-14

Schulbesuch im Naturkundemuseum - Kapitel 2 - Teil 2

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Dass die Klasse überhaupt beim Eintreten in die Halle erneut mit vom Erstaunen geöffneten Mündern hoch zu diesen beiden Giganten, welche wie zwei Türme in der Mitte standen, aufsehen konnte, konnte man denselben Umstand verdanken, der diesen Kreaturen überhaupt es ermöglichte, so groß zu werden. Denn wie alle Weichtiere besaßen auch Tintenfische keine Knochen, sodass die Fossilien ihrer Vorfahren sich entweder aus Abdrücken oder aus versteinerten Gehäusen, wie zum Beispiel die der allseits bekannten Ammoniten, zusammensetzten. Womit man also zwar genau wusste, in was sich diese kleinen Kopffüßler bei Gefahr hineinzogen. Dafür musste man aber raten, wie überhaupt der Kopf und seine Tentakel ausgesehen haben könnten.
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Doch bei diesen beiden Giganten konnte man ihre Form zu Lebzeiten eindeutig erkennen, denn sie trugen ihre Gehäuse nicht wie das Haus einer Schnecke, sondern wie den Schuppenpanzer eines Reptils. Schuppen, die beweglich waren und sich ineinanderfügten, und zudem, wie das Leuchten verriet, aus einer Verbindung aus Calciumcarbonat und Magirium bestanden. Diese Schuppen waren so schwer, dass sie nicht wie die Knochen der Dinosaurier einfach nur mit ein paar Eisenstäben gehalten werden konnten, sondern ein ganzes stählernes, zylindrisches Skelett benötigten. „Dies beide sind Vertreter aus der Gruppe der Pyrgocephalo. Den Turmköpfen“, nannte und übersetzte Siegfried. „Ein Name, der wie die die Faust auf das Auge passt, oder?“, lenkte er die Aufmerksamkeit der Kinder auf den linken Turmkopf, dessen gewaltigen Kopfpanzer die runde Form eines Eis hatte und an der unteren Seite, wo die Panzer der acht Tentakel herauswuchsen, über zwei riesige Augenhöhle verfügte. Diese mussten einst Augäpfel mindestens zweimal so groß wie Siegfrieds Kopf beheimatet haben. Er wunderte sich darüber, was man wohl sehen würde, wenn man in solch ein riesiges Auge hineinblicken würde. Er sah amüsiert zu, wie die Schüler unter den mit den Schuppenhemden behängten hölzernen Tentakelattrappen umherhuschten, die von stählernen Stäben gehalten wie Torbögen vom Hauptpanzer abgingen, so als würden sie allein ihn halten.
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„Der muss ja dreimal so groß wie Gregor sein!“, drückte das Fuchsmädchen ihr Staunen aus, was Siegfried schmunzeln ließ. Wer würde das aber nicht beim Denken an das Maskottchen des Quellenzoos Vitrotis’? Gewöhnlicherweise konnte man keine Landkraken in Mittelmora oder gar Nordmora halten, weil das Klima schlichtweg zu kalt war. Schon die Sommer würden sich für die Tentakelläufigen im Vergleich etwas zu kühl anfühlen und im Winter drohte ihnen der Frosttod. Doch hier in Vitrotis konnte man das heiße, in vielen Flüssen herabfließende Quellwasser dazu nutzen, um die Gehege und Unterschlüpfe der tierischen Bewohner des Quellenzoos zu erwärmen. Somit konnte man einst einer kleinen Fünfergruppe von aus Kush hergebrachten Landkraken sich hier im Sommer so pudelwohl wie in den Wässern des Nils fühlen lassen. Den Winter hingegen überstanden sie schadlos in ihrem Tentakelhaus, mit dem Quellwasser zu tropischen Temperaturen aufgeheizt. Dies funktionierte so gut, dass eines der Weibchen zu aller Überraschung ein Ei legte, als Siegfried ein kleiner Junge gewesen war. Und tatsächlich schlüpfte daraus ein kleiner Krake, wohl der allererste, der in einem so gemäßigten Breitengrad geboren wurde. Man nannte ihn Gregor und dieses kleine Tentakelbündel mit seinen großen Glubschaugen löste damals einen gewaltigen Rummel aus. Und auch heute, nachdem Gregor nicht mehr handtellerklein und niedlich, sondern fast ausgewachsen und so groß wie ein Elefant war, erfreute er sich immer noch großer Beliebtheit bei den Zoobesuchern.
„Werden Landkraken heute nicht mehr so groß, weil sie keine Schuppen mehr haben?“, fragte das Fuchsmädchen Siegfried, aufgeregt mit ihrem buschigen Schwanz wedelnd. Siegfried nickte anerkennend: „Genau das vermutet die heutige Wissenschaft. Diese Schuppenpanzer boten sicher nicht nur Schutz, sondern gaben auch den massigen Körper der Urlandkranken anstelle von Knochen die notwendige Stabilität.“ Nun zuckten die Ohren des Fuchsmädchens aber etwas verwirrt und sie schielte hinüber zu den anderen hier ausgestellten Turmköpfen: „Wenn die aber so schwer gewesen waren, warum schwebt dieser da?“ Natürlich schwebte der andere Turmkopf nicht, doch sein Kopfpanzer, welcher mehr eine zylindrische Form besaß und von der Oberfläche her wie eine Muschel anmutete, stand senkrecht an mehreren stählernen Pfählen befestigt, während die zehn Tentakelattrappen mit den Schuppenpanzern mit schweren Ketten an die Decke gebunden in der Luft hingen, anstatt wie bei dem Landkraken auf dem Boden zu stehen. „Das ist eine gute und sehr berechtigte Frage, die man dieser doch durchaus gewagten Aufstellung dieses Exponates gegenüberstellen kann“, gestand Siegfried ein. „Denn natürlich fand man dieses Fossil nicht schwebend in der Erde vor. Und auf den ersten Blick sollte man denken, dass der Urkalmar hier wie sein Verwandter, der Urkrake, ebenfalls auf seinen Tentakeln lief.“ „Was ist ein Kalmar?“, rief ein Schüler dazwischen und wurde sogleich von dem Lehrer ermahnt. Doch Siegfried nahm die Unterbrechung hin: „Ach, stimmt, sicher könnt ihr euch nichts unter einem Kalmar vorstellen. Ein Kalmar ist wie ein Kranke ein Tintenfisch und unterscheidet sich, wie ihr es hier schon sehen könnte, mit seiner leicht zylindrischen Kopfform und dass er nicht nur acht, sondern ganze zehn Fangarme hat.“ „Und seine kleinen Nachfahren schweben auch in Kush herum?“, fragte das Fuchsmädchen, was sogleich von Siegfried verneint werden musste: „Leider nicht. Soweit wir es wissen, sind Landkalmare heutzutage vollständig ausgestorben. Alle bekannten Arten leben im Wasser, wobei es aber eine Südwasserart in den Regenwälder Aphrike gibt, die amphibisch, also wie ein Frosch sowohl im Wasser leben als auch ans Land schweben kann. Die sind aber nicht größer als ein Hund und können nur kurz die Flüsse und Seen verlassen, um Beutetiere an den Ufern mit ihren Tentakeln zu packen und ins Wasser zu ziehen. Wie ein Krokodil!“ Ein Schauer wälzte sich durch die Klasse bei dieser Vorstellung und Siegfried wartete, bis er abgeklungen war, bevor er fortfuhr: „Man nennt sie deshalb auch recht passend Ufergrabscher und sie sind einer von drei Gründen, warum man annimmt, dass dieser Urkalmar hier ebenfalls vor Millionen von Jahren schwebte. Der zweite ist der simple Umstand, dass die Tentakel so dünn und damit nicht kräftig genug gewesen sein können, um einen großen Körper mit so schwerer Panzerung überhaupt tragen zu können. Und den dritten Grund könnt ihr dort drüben auf einen Podest sehen.“
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Mit dieser simplen Überleitung lenkte er die Aufmerksamkeit der Klasse von den beiden Turmköpfen weg hin zu einem kugelförmigen Gebilde mit den Ausmaßen eines menschlichen Brustkorbes. „Oh, was ist denn das für eine Muschel?“, wunderte sich sogleich eine Schülerin mit feuerrotem Haar, worauf Siegfried verriet: „Auch wenn man es tatsächlich ein ‚Muschelherz‘ nennt, so ist es weder ein Herz noch eine Muschel. Verwirrend, ich weiß. Und Muschel ist durchaus treffend, denn diese Kugel besteht aus demselben Material, nämlich aus Calciumcarbonat.“ „Cal… Kalk…?“, versuchte das Fuchsmädchen nachzusprechen, doch Siegfried schonte ihre Zunge: „Kalk ist schon richtig, denn daraus besteht dieses Herz hier. Wie Muscheln und auch wie die Schuppen des Panzers.“ „Und wie lässt es nun einen Tintenfisch fliegen?“, wollte ein anderer Schüler wissen, worauf Siegfried nur mit den Schultern zucken und unschuldig mit seinem Schwanz wedeln konnte: „Das weiß noch niemand.“ Die Vielzahl an verwirrten Gesichtern machten es Siegfried schwer, sich ein Lachen zu verkneifen, bevor er erklärte: „Das Muschelherz ist ein gutes Beispiel dafür, wie aktuelle Forschung von statten geht: Immer beginnt es mit einer Frage, in dem Fall, wie der Urkalmar sich fortbewegte. Ich habe euch bereits zwei Gründe genannt, warum man von einem Schweben ausgeht. Was wiederum zu der nächsten Frage führt: Wie konnte er schweben? Nun haben wir leider hier das Problem, dass von urzeitlichen Wesen leider nur Knochen und Gehäuse die Äonen überdauert haben können. Wir wissen damit so gut wie nichts über das Innenleben jener Wesen. Doch im Fall des Urkalmares ist uns zumindest ein kleiner Blick gegönnt, denn dieses Muschelherz hier hat man im Inneren des Panzers gefunden.“ „Aber wie kann man dann wissen, dass es mit dem Schweben zu hat?“, versuchte das Fuchsmädchen nachvollzuziehen. „Ich meine, können Sie sich denn selbst sicher sein, dass es nicht ein Herz ist?“ „Könnte man nicht, wenn man den Urkalmar allein betrachtet“, gestand Siegfried. „Doch wenn man Parallelen zu anderen, noch heute lebenden Tieren zieht, dann kommt Zweifel daran, ob es einfach nur ein merkwürdiges Herz ist. Denn auch Drachen haben solche eigenartige ‚Knochenherzen‘ und bei denen weiß man sicher, dass sie normale Herzen haben. Zwar riesige natürlich, aber im Prinzip dieselbe, wie sie auch in unseren Brustkörben schlagen.“

Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen, am 28. März 2025, veröffentlicht.

Admin - 13:30:28 @ Naturkunde, Erzählung | Kommentar hinzufügen

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