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Neues aus Mora





 

Blogpost aus Mora


2025-03-27

Schulbesuch im Naturkundemuseum - Kapitel 2 - Teil 3

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Ein Schwall verwirrter Kinderzüge schlug Siegfried entgegen, ihm verdeutlichend, dass der Schwenk zu einer Spezies, die doch so gut wie gar nichts mit Landtintenfische zu tun hatte, etwas zu weit war. Deshalb improvisierte er: „Nun, ihr habt doch sicher schon einmal gehört, dass Drachen eigentlich wegen ihres enormen Gewichtes nicht in der Lage sein sollten, zu fliegen, nicht wahr?“ „Und Harpyien wie ich!“, rief ein Harpyius-Junge, direkt gefolgt von dem Ausruf einer Schülerin: „Und Hummeln!“ „Aber ich dachte, dass das alles mit dem Dampfblut erklärt werden kann …“, hörte Siegfried einen dritten Schüler in der Vorderreihe murmeln, worauf er sogleich aufsprang: „Dampfblut ist durchaus eine Erklärung für das Fliegenkönnen größerer Kreaturen. Doch dieses Phänomen reicht allein nicht aus, um es zu erklären, vor allem bei gewaltigen Kreaturen. Aus diesem Grund mutmaßen Naturforscher, dass noch andere Faktoren eine Rolle spielen müssen. Welche das aber sind, ist noch ein Mysterium. Eines, welches man sich erhofft eines Tages mit diesen mysteriösen ‚Herzen‘ erklären zu können.“ „Und Sie denken, dass diese etwas mit dem Fliegen zu tun haben, weil man sie bei Drachen und Urkalmaren finden kann?“, fragte das Fuchsmädchen, ihre Ohren vor lauter Nachdenklichkeit hin und her schwenkend. „Zudem auch bei den Ufergrabschern, die ich vorhin erwähnt habe“, bestätigte Siegfried und schmunzelte: „Ich sehe, dass euch solch eine Mutmaßung, eine Hypothese nicht sehr beeindruckt und vielleicht sogar frustriert. Doch Wissenschaft bedeutet nicht, sofort alle Antworten zu haben, sondern sie sich mühsam zu arbeiten. Jede Hypothese kann das Saatkorn sein, aus der eine neue Theorie erwächst, welches unser Wissen über die Welt bereichert. Deshalb nutzt die Frustration, die ihr verspürt als Antrieb, um aufmerksam in eurem Unterricht zu sein. Wer weiß? Vielleicht wächst einer von euch zu eben jenem Naturforscher oder zu jener -forscherin heran, die das Geheimnis hinter den Muschelherzen lüftet …“
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Seine kleine Moral schien die Leere der Ungewissheit bei den Schülern etwas zusammengedrückt zu haben, denn sie hörten ihm weiterhin wissbegierig zu, als er sie an ein paar weiteren Exponaten entlangführte, hauptsächlich Skelette von Säugetieren und Reptilien, von denen man Anpassungen an einem amphibischen Leben in den überschwemmten Landen ablesen konnte. Nachdem Siegfried seine Führung abgeschlossen hatte, zeigte er sich offen für Fragen, worauf das immer noch eifrige Fuchsmädchen wissen wollte: „Wenn aber vor so langer Zeit die Welt überschwemmt war, wo ist das ganze Wasser heute? Ist es wieder geschrumpft?“ „Das ist tatsächlich eine der Hypothesen bezüglich dem“, benickte Siegfried. „Manche Forscher denken, dass die Menge an magischer Energie in unserer Welt im Laufe der Millionen von Jahren wieder abnahm, was das Wasser wieder in seine gewöhnlichen Masse schrumpfen ließ. Doch die gängige Theorie heute ist, dass das Wasser, welches die Lande befeuchtete, sich abgelagert hat. Sicher habt ihr in Naturkunde durchgenommen, was Magirium genau ist, oder?“ „Ja, es ist fossilisiertes magisches Wasser!“, entfuhr es dem Fuchsmädchen und in ihren Augen verbrannte die Kohle der Unwissenheit zu einem Flammen der Erkenntnis. Zufrieden offenbarte Siegfried: „Tatsächlich sind die weiten Sümpfe, Moore und Dampftiefen von damals nie wirklich verschwunden. Ein paar kleinere haben wir heute ja noch überall in Mittel- und Nordmora. Tatsächlich ist auch der Name unseres Kontinentes, Mora, das alte teutonische Wort für Moor. Ein anderer Teil des Wassers hingegen lagerte sich als eben jene Magiriumvorkommen ab, die wir heute abbauen, um unter anderem unsere brennstofflosen Dampfmaschinen anzutreiben. Und noch ein anderer Teil befindet sich genau unter unseren Füßen.“ Mit seinem Zehenfußschuh klopfte er sinnbildlich auf den Steinboden der Museumshalle. „Einst befand sich hier eine große Dampftiefe, in der sich nach und nach das Magigestein ablagerte, welche heute den Schildhügel um unsere Quelle herum bildet. Und ein ähnlicher Prozess führte zu der Bildung der Nimmerschmelzberge hoch im Norden Okthuns.“
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„Ähm, ich hätte auch eine Frage …“, hörte Siegfried zaghaft eine Mädchenstimme und er wappnete sich seelisch sogleich, als sein Blick auf sie fiel. Denn es war die Schülerin mit dem rabenschwarzen Haar, die zuvor bei Brigit schon ihre Verwirrung über die Beziehung zwischen Mythen und Wissenschaft mitgeteilt hatte. Wenn sie nun den Mund aufmachte, sollte es nicht lange dauern, bis der Dogmabengel zu toben begann. „Was willst du wissen?“, fragte er das Mädchen, worauf dieses sagte: „Es ist nur … die alten Mythen erzählen auch nichts von Riesenkraken, die durch sumpfiges Land stampften. Doch es gibt viele alte Geschichten, vor allem aus dem Morgenland, welche von riesigen Fluten erzählen, die die ganze Welt untergehen ließen. Könnten diese Mythen sich auf diese Magizeit beziehen?“ „Das kann vollkommen ausgeschlossen werden“, antwortete Siegfried bestimmt, sowohl das Mädchen als auch weitere Schüler und Schülerinnen intellektuell erschreckend. „Diese Mythen, soweit es mir bekannt ist, berichteten oftmals davon, dass die Götter solch eine Weltenflut den Menschen als Bestrafung entsendeten. Es sind also sozusagen Berichte, von Menschen für Menschen. Damit ist es aber unmöglich, dass sie von der Magizeit berichteten, denn diese liegt Millionen von Jahren zurück. Mein Mitstudent wird euch später noch mehr über die Entstehung des Menschen erzählen, deshalb beschränke ich mich allein auf den Fakt, dass sowohl der moderne Mensch als auch der Urmensch nicht einmal ansatzweise so alt sind.“ Siegfried wusste, dass er die schlichte Wahrheit sehr barsch dargelegt hatte und als er die zerwühlten Gesichter des Mädchens mit dem rabenschwarzen Haar sowie nicht weniger ihrer Mitschüler sah, verstand er zudem nur zu gut, warum Brigit lieber auf ein diplomatisches Flunkern gesetzt hatte. Doch wenn man bei diesen Kindern ein ernsthaftes Interesse für die Paläontologie oder generell für die Naturwissenschaften wecken wollte, musste man sie zwangsläufig damit konfrontieren, dass neue Erkenntnisse altes Wissen infrage stellt. Dass, selbst wenn man die Mythen nicht wortgenau nahm, nicht vermeiden konnte, auf Widersprüche zu stoßen. Oder dass man mit dem Fakt zurechtkommen musste, dass die Überlieferungen über die Götter, die angeblich bis zum Beginn der Zeit zurückreichen sollen, eine nicht unerhebliche Menge an Ereignissen schlichtweg nicht erwähnten.
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Brigits Vorschlag, dass vielleicht andere Götter damals über Gaia geherrscht hatten, klang zwar wie eine gute Erklärung, doch Siegfried wollte nicht die Klasse mit einer aus der Luft gegriffene Vermutung abspeisen: „Offen gesagt, wir können nicht die alten Mythen dazu nutzen, um herauszufinden, wie die Vergangenheit ausgesehen hat. Denn sie wurden von unseren Vorfahren zuerst über den Mund und dann über die Schrift an uns weitergegeben. Und sie waren zwar nicht dümmer oder fehlbarer als wir, aber deutlich weniger wissender. Die Welt musste für sie damals noch größer, wunderbarer, aber auch furchteinflößender gewesen sein, so wie sie noch ungeschützter gegenüber dem Treiben der Natur und der Götter ihr Dasein fristen mussten. Wir sollten nicht unsere modernen Erkenntnisse von den alten Mythen einengen lassen, sondern sollten sie stattdessen dazu nutzen, um besser zu verstehen, was unser aller Vorfahren widerfahren sein könnte und wie sie ihre Erfahrungen unteranderen in den Überlieferungen ausdrückten. Nehmen wir doch eben diese Fluten, wie sie in den Legenden des Morgenlandes vermerkt sind. Du hattest dich doch gewundert, ob mit denen die Überflutung in der Magizeit gemeint sein könnte?“ „Ja“, nickte das schwarzhaarige Mädchen sehr zögerlich, wohl sich vor seinen nächsten Worten etwas fürchtend. Siegfried sprach weiter: „Nun, ich sagte schon, dass es zeitlich nicht hinhauen kann, gut um Millionen von Jahren verfehlt. Generell gibt es keine Beweise für eine Flut, welche die gesamte Welt unter Wasser gesetzt hätte. Und glaube mir, Geologen haben über Generationen hinweg nach Spuren für diverse ‚Weltuntergänge‘ gesucht. Im Norden wollten Forscher Ragnarök nachweisen, im Hellenischen Großreich den Kampf zwischen den Göttern des Olymps und den Titanen und im Morgenland eben die Weltfluten. Doch niemandem gelang es bislang, für Mora oder irgendeinen anderen Kontinent einen Weltuntergang nachzuweisen. Nun, wenn man von den Landen des Ewigen Chaos absieht, natürlich.“ „Wollen Sie damit sagen, dass alles nur erlogen sei?“, fragte das Mädchen mit erstickter Stimme, worauf Siegfried deutlich den Kopf schüttelte: „Ich habe kein einziges Mal von einer Lüge gesprochen. Denn ich denke nicht, dass die alten Mythen falsch sind. Aber deutlich übertrieben.“ „Aber wäre das nicht ebenfalls eine Lüge?“, fragte das Fuchsmädchen dazwischen, immer noch neugierig, doch ihre zuckenden orangen Ohren verrieten ebenfalls ein kleines bisschen Furcht. „Ich würde es nicht eine Lüge nennen, denn ich vermute keine bösen Absichten hinter den Mythen“, verneinte Siegfried. „Denn es wird durchaus eine gewaltige Flut im Morgenland gegeben haben, mit denen Götter, die ihre Macht missbrauchten, die Menschen für Missetaten bestraften. Aber eben nicht eine, welche die ganze Welt, sondern ‚nur‘ ganze Landstriche überschwemmte. Doch bedenkt, dass in vormodernen Zeiten viele Menschen nie ihren Fuß außerhalb ihrer Heimatstadt oder ihres -dorfes gesetzt hatten. Und wenn eben diese überschwemmt wurden, dann hat es ich sicher für sie wie ein Weltuntergang angefühlt. Würde es sich für euch denn nicht so anfühlen, wenn zum Beispiel euer Haus oder eure Wohnung abbrennen würde?“ Eine sehr furchteinflößende Metapher, die die Kinder zuerst noch ängstlicher machte, doch dann schienen sie zu begreifen. Das schwarzhaarige Mädchen sah nun deutlich nachdenklicher aus, zwar mit dem ringend, was er ihr dargelegt hatte, aber nicht mehr davor zurückschreckend.

Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen, am 11. April 2025, veröffentlicht.

Admin - 15:36:42 @ Naturkunde, Erzählung | Kommentar hinzufügen