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Blogpost aus Mora


2025-08-15

Der Säugling - Kapitel 1 -Teil 3

1
Filippos Durst eilte ihm und dem Baron im dunklen Kerkergang voraus und bog in eine verschlossene Zelle hinein. Sogleich blieb der junge Vampir stehen, denn er spürte ihn: den Schlag eines Herzens vollen Blutes. Nein, sogar zweie, da war noch ein kleineres. In seinem Oberkiefer rührten sich die Knochen, zwei riesige Fangzähne aus dem Mundfleisch herausbrechen lassend, ohne aber das es Schmerzen verursachte. Oder vielleicht tat es dies und Filippos reine Vernunft scherte sich nicht darum. Der Aufschrei einer Frau und das Wimmern eines Kindes krochen durch den Gang zu ihnen, was Baron Bissmarck anmerken ließ: „Eines der ersten Dinge, die Sie gelehrt bekommen müssen, ist die Kunst, den Durst zu kontrollieren. Denn so sehr er auch das Erspüren unserer nächsten Ernährung erleichtert, so leicht kann er uns verraten.“ Filippo hörte nur halb zu, während er mit lauerndem Schritt auf die Zellentür zueilte. Schon lagen seine Hände auf ihr und er versuchte sie zu öffnen. Als diese sich weigerte, begann er, an ihr kräftig zu rütteln, denn er konnte den Durst immer weniger ignorieren. „Geduld, Geduld, mein werter Filippo. Mein Diener wird Ihnen sogleich öffnen“, rief der Baron und mit einem Wink wies er einen der Ghuls an. Dieser zückte sogleich einen schweren, eisernen Schlüssel und schloss die Zellentür auf.
2
Im nächsten Moment schon stieß Filippo sie auf und stürzte in die Zelle, direkt gefolgt von einem der Guhls, eine Fackel hinterhertragend. Im flackernden Schein jener entdeckte Filippo eine junge Eichhornfrau mit braunem Fell und gekleidet in ein einfaches Kleid einer Bäuerin, beides verschmutzt. Ihm einen furchtsamen Blick zuwerfend presste sich die Frau an das harte Gemäuer entlang, in der Ecke kurze Flucht vor ihm suchend. Hierbei hielt sie etwas auf ihrem rechten Arm, was sie versuchte unter ihrem buschigen Schwanz zu verbergen. Allerdings vergeblich, denn das Wimmern verriet, dass dies das kleine Herz war. Funken flitzten erneut durch Filippos Seele, doch diesmal konnten sie sich nicht einmal an das Fell des Durstes anheften, denn dieser schnellte voran, Filippo mit sich ziehen. „Bleib weg von mir, du Monster!“, schrie die Eichhornfrau, sich hastig erhebend, wobei ihre zitternden Beine zuerst wieder einknickten und erst beim zweiten Versuch sie halten konnten. Der immer noch unter ihrem buschigen Schwanz verborgene Säugling fing an zu weinen.
3
Dies regte den Durst in Filippo nur weiter an, denn Wehr bedeutet Kraft und Kraft barg Nahrung. Doch die schrillen Laute von Mutter und Kind weckten noch etwas anderes in ihm. Drangen ihm durch Mark und Bein, etwas herauszerrend, was er schon für verloren hielt. Jenes Etwas übertünchte den Durst und ließ ihn zögernd vor der sich immer noch an die Kerkerwand anlehnende Frau stehen. In einem Schwanken war er nun gefangen, hin und her gezogen zwischen dem nach vorn drückenden Durst und dem zurückziehenden Etwas. Keines übertraf das andere und ehe aber dieses Patt gebrochen werden konnte, rührte sich auf einmal die Frau rasch. Halb stürzte sie sich, halb fiel sie auf ihn und riss ihren linken Arm hoch, in dessen Hand etwas im Fackelschein goldig glänzendes haltend. Jenes Glänzen verschwand in einem explodierenden Rot, als ihre Hand auf sein rechtes Auge herabschnellte, das Glänzende hineinstechend. Dem folgte ein waberndes Gold, welches sich tiefer in seinen Schädel brannte. Und ihn etwas verspüren ließ, was er eine Weile schon nicht ertragen musste: Schmerz.
4
Rebekka wurde zurück gestoßen von dem Vampir, welcher wild schreiend zurücktaumelte, während sie zu Boden stürzte, ihr Kind mit beiden Armen schützend. „Halt ihn fest!“, hörte sie den anderen Vampir, den Fledermann, befehlen und die beiden Scheusale packten sogleich den Wildschreienden mit ihren überlangen Armen, sein Umherschlagen so weit bändigend, dass der Fledermann das zerstochene Auge mustern konnte. Anschließend kam seine rechte Hand unter dem ledernden Flügel hervor und packte das Amulett am dicken, herausragenden Ende. Oder versuchte zumindest dies, denn plötzlich löste sich die Form seiner Hand auf. Keuchend sah Rebekka, sich wieder mit ihrer Marie in der Ecke der Zelle drückend, wie zuerst sich die Haut in einzelnen Fetzen löste und wie Papier auf den Boden herabsegelte, direkt gefolgt von dem befreiten, in Strömen herabfließendem Blut. In dessen Sog wurden aus dem Fleisch Brocken herausgerissen, sodass nach und nach das Gebein zum Vorschein kamen. Gebunden waren diese von Bändern, welche sogleich rissen, sodass die Knochen herabklimperten. Dieser Auflösung wohnte der Fledermann mit einer seltsam gleichgültigen Miene bei, so als hätte er nur etwas Wein auf seine Kleidung verschüttet. Wenig Aufmerksamkeit widmete er damit seiner Hand, von der allein eigenartige, in einem kalten Eisblau leuchtende Fäden verblieben waren. Keinerlei Idee hatte Rebekka, was diese Fäden sein könnten, doch sie bemerkte, dass sie sich, als der Fledermann seinen verstümmelten Arm wieder unter die Flügel zog, sich wie die aufgelösten Finger regten.
5
„Ein heiliges Amulett“, stellte der Fledermann tonlos fest. „Welches der Frigg geweiht ist, wenn man dem Anschein folgen darf.“ Er warf den beiden Scheusalen jeweils einen Blick zu, der Rebekka das vor Furcht pulsierende Blut in ihren Adern stocken ließ. In diesem steckte keinerlei Zorn oder Abscheu. Keine Arroganz oder Drohung. Allein ein blankes Mustern, wie es dem Amulett schon gegolten hatte Rebekka fühlte sich an ihren Vater erinnert, wenn dieser stark abgenutztes Werkzeug ansah, um abzuwägen, ob er sich vom Schmied neue anfertigen lassen musste. Denselben intensiven, aber gefühlslosen Blick hatte auch der Fledermann: Er sah die Scheusale als Werkzeuge. Ihr stockte der Atem, denn sie begriff, dass auch dies nicht ganz stimmte: Der Vampir sah auf diese beiden nicht herab und wertete sie als Werkzeuge, wie ein Edelmann, der gegenüber seinen Leibeigenen auf ein Erbrecht pochte. Selbst der Hochgeborene kannte die Menschlichkeit der Niederen an. Doch der Vampir drückte so etwas nicht einmal durch Abschätzung aus. Er sah die Scheusale nicht als Werkzeuge, sie waren Werkzeuge für ihn.
6
„Ich habe veranlasst, dass jeder Gefangene durchsucht wird“, hörte Filippo den Baron tonlos sagen, während in seinem rechten Auge immer noch das Gold brannte. Einer der Ghuls öffnete wangenspaltend sein Maul und artikulierte unmenschliche Laute, die überhaupt nicht wie Sprache klangen. Trotzdem schien der Baron irgendeinen Sinn aus ihnen entschlüsseln zu können, denn er fragte: „Du bist dir wirklich sicher, dass du gründlich ihre Taschen durchsucht hast?“ Erneut stieß der Ghul sinnlose Laute aus, welche dem Baron wohl aber genügten, denn er wandte sich an den jungen Vampir: „Ich bitte Sie um all Ihre Verzeihung, die Sie aufbringen können, mein guter Filippo. Ein heiliges Amulett in Ihrem Auge hätte mit Leichtigkeit Ihr Gehirn schädigen können, unsere größte Schwachstelle. Es besteht aber kein Grund zur Sorge, in meinem Gefolge befindet sich ein äußert erfahrener Arzt, der die notwendigen Mittel und das Wissen hat, um es sicher zu entfernen. Ich werde Sie zu ihm bringen lassen, sobald Sie gespeist haben.“
7
„Ich … werde nicht … speisen …“, keuchte Filippo und versuchte sich aus den langen Fingern der Ghuls herauszuwinden. In seinem Kopf überschlug sich alles, einen stetigen Wechsel durchmachend. In einem Moment suchte das wabernde Gold weiterhin seine Augenhöhle heim. Im nächsten dann aber spürte er hingegen nur die kalte Erkenntnis, dass etwas in seinem Auge brannte. Der Durst zerrte an ihm wütend, versuchend ihn zu der Beute zu ziehen, bevor er nach dem nächsten Atemzug tiefste Abscheu und Schrecken bei dem Gedanken verspürte, eine Frau fressen zu wollen. Die daraus erwachsende Panik über seine Lage verwelkte hingegen sogleich im Frost der simplen Überlegung, dass er sich nähren musste. Warme Gefühle und kalte Gedanken drehten sich in seinem Kopf, wie zwei Wölfe ineinander verkeilt. Ihm trat der Schweiß aus und gefror dann sofort, nur um wieder zu schmelzen, sodass sein gepeinigter und tauber Körper in einem grotesken Dunst gehüllt war.
8
Der Baron musterte ihn, sein Gesicht vollkommen neutral und blank, ohne jegliche aufgesetzte Miene, und urteilte: „Mir scheint es, dass Ihre Verwandlung noch nicht vollkommen jeglichen menschlichen Unrat aus Ihnen herausgewaschen hat. Hinderlich, aber nicht unüberwindbar. Zeit steht uns beiden zu Genüge zur Verfügung und Sie werden diese Zelle nicht eher verlassen, ehe Sie gespeist haben.“ „Möge Nidhögg …“, keuchte Filippo warm, um die letzten Worte dann kalt auszustoßen: „… Sie fressen!“ Der Baron widmete dem Fluch keinerlei Beachtung und sah Filippo einfach nur an.
9
So verging eine Weile, jeder in der Zelle gefangen. Filippo in seinem Ringen, in dem Gefühl und Gedanken sich wie herausgerissene Buchseiten im Wirbelwind um ihn herumdrehten. Die Ghuls in ihrer Aufgabe, ihn festzuhalten. Die arme Frau in ihrer Todesangst. Und der Baron in dem geduldigen Warten auf jenes, was für ihn gewiss war. Unerwartet sollte es eine neue Stimme sein, die diese Gefangenschaft aufbrach: „Baron Bissmarck! Mein Baron, es wird dringend nach Ihnen verlangt!“ „Komm zu mir und verkünde, was dich zur Störung veranlasst“, rief der Baron zurück und sogleich trat ein Diener in die Zelle. Ein menschlicher anscheinend, denn seine Züge glitten kurz ins Entsetzen, bevor er sich fing und beherrscht an den Fledermann herantrat, der ihm seine großen, langen Ohren entgegenhielt. Den Mund ein gutes Stück vor diesen haltend, flüsterte der Diener dem Baron etwas zu. Aufgrund der blanken Miene konnte man keine Reaktion ablesen und auch die Attitüde verriet nichts, als der Fledermann verkündete: „Es dauert mich sehr, dass ich nun doch nicht Ihrer ersten Speisung beiwohnen kann, mein werter Filippo, denn ein unerwartetes Ereignis bedarf meiner vollen Aufmerksamkeit.“ Mit einem Wink befahl er den Ghuls, Filippo loszulassen, worauf dieser, immer noch mit sich ringend zu Boden fiel. „Ihr beide bewacht draußen die Tür“, befahl der Baron beim Herausgehen. „Er darf nicht die Zelle verlassen, eher er gespeist hat. Keinen Moment früher. Verstanden?“ Die Ghuls artikulierten wohl Bestätigung, worauf der Baron hinzufügte: „Sehr gut. Euch ist erlaubt, sich an den Resten zu laben, sobald die Speisung zu Ende ist.“

Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen, am 29. August 2025, veröffentlicht.

Admin - 07:22:02 @ Erzählung, Fiktion in Fiktion | Kommentar hinzufügen

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