2025-08-29
1
Mit einem höhnischen Rumms wurde die Zellentür verschlossen und man ließ Rebekka und ihr Kind allein. Allein in der Dunkelheit, denn man ließ ihr nicht einmal eine Fackel zurück. Allein mit dem Vampir. „Oh, Frigg, bitte offenbare mir, was ich tun soll!“, flehte sie leise, ihre Marie an sich drückend. Das Amulett war also wirklich von Frigg gesegnet worden. Es muss auch ihr Tun gewesen sein, dass diese Scheusale es nicht bei ihr gefunden hatten. Doch welche Absicht befolgte die Göttin durch ihr heimliches Eingreifen? Hatte Rebekka mit ihrer Wehr einen Fehler begangen und damit ihre göttliche Chance verspielt?
2
Ihre panische Suche nach einer befreienden Antwort endete abrupt, als sie den Vampir seinen Körper über den Boden schleifen hörte. Und seinen schweren Atem. „Nein! Nein! Bleib weg von mir!“, schrie sie. „Ich werde … dir nichts tun …“, hörte sie eine kratzende Stimme mit Wärme darin sagend. Direkt gefolgt von weiteren Worten, gesprochen von derselben Stimme, aber nun mit kaltem Tonfall: „Es verlangt mir nach Speisung.“ Und dann noch einmal dieselbe Stimme, diesmal hart und schneidend: „Ich muss fressen!“ Dann wieder die Wärme: „Niemals! Ich kann das nicht tun!“ Ein furchtbarer Schrei prallte gegen die Zellenwände und wütete wie ein in einer Flasche gefangenes Gewitter. Bis plötzlich ein feuchtes Knacken es schlagartig abwürgte. Die sich immer tiefer in die Ecke pressende Eichhornfrau wusste nicht, was sie da hörte. Es mutete an wie der Klang von etwas, was herabfiel und brach, doch in der Zelle befand sich nichts. Sie zuckte zusammen, weil sie das feuchte Knacken ein zweites Mal hörte. Dann vernahm sie wieder Worte: „Ein Monster …“ Ein drittes Knacken. „… will ich …“ Maries Weinen steigerte sich in ein Heulen und ihre Mutter verdeckte vorsichtig ihr die Ohren. „… nicht sein!“ Ein fünftes Knacken. „Eher …“ Rebekka ertrug das Zählen nicht mehr. „… sterbe …“ Aus dem feuchten Knacken wurde ein fließendes Brechen. „… ich!“ Ein letzter, platzender Laut, dann kehrte die Stille zurück in die Zelle.
3
Immer noch nicht begreifen könnend, was da direkt vor ihr in der Dunkelheit passiert war, lauschte Rebekka angestrengt mit ihren spitzen Ohren. Noch immer hörte sie den röchelnden Atem, der nun in ein Hecheln umschwang. Ihre sehr naive Hoffnung, dass das, was auch immer gerade passiert war, den Vampir gebannt hatte, wurde wie Asche davongeweht. „Es tut mir leid“, äußerte die warme Stimme. Die kalte hingegen erklärte schlicht: „Das Verlangen nach Nahrung kann nicht länger ignoriert werden.“ Zuletzt unterschnitt die schneidende Stimme: „Du riechst so köstlich.“ Ein Moment lang nichts, dann schrie der Vampir: „Starker Thor! Schlauer Odin! Gib mir Kraft und Weisheit, um diesem unheiligen Hunger zu widerstehen!“ Wieder eine kurze Stille, bevor Rebekka erneut Laute hörte, die sie nicht verstand.
4
Als Filippo seinen Kopf wieder vom steinernen Boden erhob, spürte er, wie sich seine Stirn löste. Mit einem Klatschen fiel es herab, sodass die abgestandene Luft über seine Windungen strich. Zuerst löste dies einen furchtbaren Schmerz aus, dann ertaubten seine Gefühle wieder, sodass er nur vernahm, dass sein Gehirn für einen kurzen Moment offenbart wurde, bevor sein Schädelknochen rasch nachwuchs. Seine Hand glitt zu dem in seinem Auge steckenden Amulett. Anders als bei dem Baron löste sich seine Finger zwar nicht auf, doch dafür platzte die Haut und Blut sickerte heraus. Doch er konnte dies ignorieren und so ertasten, dass das Amulett tatsächlich immer noch herausragte. Wie konnte aber dies sein? Filippos verzweifelter Plan war es gewesen, durch das Schmettern seines Gesichtes es tiefer hineinzurammen, bis zu seinem Gehirn. Warum hatte sich das Amulett nicht gerührt? Warum war es Filippo nicht vergönnt gewesen, so dem Durst zu entkommen?
5
Als dieser sich wieder in dem Leib des jungen Vampirs regte, gab er keine Antwort, sondern riss die Kontrolle an sich. In einer blutroten Benommenheit hievte sich Filippo auf alle Viere und begann langsam in die Richtung zu kriechen, in der das große und das kleine Herz schlugen. „Bitte …“, hörte er die Eichhornfrau wimmern. „Wenn du jemanden fressen musst, denn nimm mich. Verschone nur meine Marie …“ Dies ließ den Durst innehalten und grinsend seine Fangzähne vollends herausfahren lassen. Es wäre durchaus keine schlechte Idee, nur die Frau auszusaugen. Denn hätte er eine weitere Mahlzeit für später.
6
Dieser Gedanke ließ Filippos verliebende Menschlichkeit sich winden wie eine Schlange. Eine, die sich im nächsten Moment um das Bein des Durstes wand und hineinbiss, ihm so ein bisschen Kontrolle entriss. Seine frisch gewachsene Stirn quietschte weich, als sie erneut herabkrachte. Denn anstatt seinen Gang zu stützen, schnellten beide Hände zu seinem Mund und rissen ihn weit auf, indem sie alle zehn Finger hineinstopften. Viel mehr, als gebraucht wurden, um die beiden Fangzähne zu packen. Sich auf dem Boden windend hielt Filippo diese immer fester, während sie sich tiefer in das Fleisch seiner Finger schnitten, bis sie an seinen Knochen schabten. Dann zog er. Und zog. Selbst als dieser unvorstellbare Schmerz ihn heimsuchte.
7
Rebekka schrie, als ein blaues Licht die Zelle ausleuchtete. Direkt vor ihr lag der Vampir, mit den Händen im Gesicht. Zwischen seinen Fingern quetschte sich das blaue Licht hervor und sogleich sollte die Eichhornfrau dessen Quelle sehen, denn die Hände kämpften sich von den Lippen herab. Dabei zogen sie zwei blaue Fäden aus dem Mund heraus, nicht unähnlich jenen, die verblieben, als sich die Hand von dem Fledermann auflöste. Furchtsam, aber auch gebannt, sah Rebekka zu, wie die Hände diese Fäden immer weiter herauszogen, bis plötzlich diese stoppten und sich spannten, sich weigernd, länger zu werden. Doch die Hände ließen nicht ab, zogen weiter, während der Vampir sich stöhnend wand. Ein ekliges Reißen kündigte an, wer dieses Kräfteziehen gewann, und im nächsten Moment schnipsten die Fäden aus dem Mund heraus. Ein letztes Mal leuchteten sie peitschend auf, dann verging ihr blaues Licht und in die Zelle kehrte die Dunkelheit zurück.
Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen, am 12. September 2025, veröffentlicht.
Admin - 07:32:33 @ Erzählung, Fiktion in Fiktion | Kommentar hinzufügen
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