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Blogpost aus Mora


2025-11-21

Der Säugling - Kapitel 2 - Teil 5

1
Wenig später hatte man den Vampir unter größter Vorsicht hoch in den Hof der Burg des Barons geführt, unter dem sich das Versteck der Vampire befand. Unter den letzten Fetzen des nächtlichen Mantels band man den Vampir mit schweren Ketten um den Stamm einer alten Eiche, die stolz in der Mitte emporstand. Eine Gefangenschaft, aus der man sich mit unmenschlicher Kraft zwar befreien konnte, aber nicht schnell genug, bevor der einen Speer bereithaltende Paladin Ludwig ihn hätte erstechen können. So warteten die Soldaten und Krieger um den Baum herum versammelt auf die kommende Morgensonne, während Sanguine die junge Mutter, die langsam die letzten Kräfte verlassen hatten, auf eine nahe Bank an der Burgmauer half. Neben ihr sitzend und auf ihr Wohl achtend, bemerkte die Nonne, dass die Mutter, während sie ihr wimmendes Kind tröste, tiefe, reuevolle Blicke zu dem Vampir warf. „Was passiert mit der Seele eines guten Vampirs?“, fragte die Eichhornfrau, wobei sie ihren Blick von der Nonne wegsenkte. Wohl weil es eine nahezu ketzerische Frage war, denn es gab keine guten Vampire. Wenn eine Seele erst einmal aus Gottes Plan herausgerissen war, war sie sowohl aus dem Himmel als auch aus der Hölle verbannt, denn in ihr war nichts Göttliches, nichts Menschliches mehr. „Ich hörte, dass die Götter …“, sprach die junge Mutter weiter, um sich dann hastig zu verbessern. „… dass Gott die Seele eines Vampirs für immer verstoßen hat.“ „So ist es.“ „Dann ist es also Teil des göttlichen Plans.“ „Darin müssen wir unseren Glauben setzen.“ „Es ist also falsch, dass er mir leidtut? Dass ich ihn nicht sterben sehen will?“ Sanguine unterließ es, darauf hinzuweisen, dass Vampire nicht sterben konnten. Stattdessen erwiderte sie nur nachsichtig: „Güte ist niemals eine Sünde.“ „Selbst wenn sie töricht ist?“ „Erst recht, wenn sie töricht ist“, bekräftigte sich Sanguine, ehe sie realisierte, wie heuchlerisch es klang, da sie gerade einer Hinrichtung beiwohnte. Doch sie musste einsehen, dass dieser Satz aus ihrem Tiefsten gekommen war, denn sie selbst verspürte Mitleid mit dem Vampir. „Wir können hineingehen. Zu den anderen“, schlug die Nonne vor, doch die junge Mutter schüttelte den Kopf: „Ich muss dem bis zum Ende beiwohnen.“
2
Stumm warteten die beiden Frauen auf die ersten Morgenstunden, während sie das Brot aßen und das Wasser tranken, dass von Sanguines Ordensschwestern unter den befreiten Gefangenen verteilt wurde. Hoch zu dem Himmel sahen sie, wo das Grau vom Rot langsam und stetig zerschnitten wurde. Sanguine senkte ihren Blick und sah zu dem Vampir, welche sich weiterhin nur ruhig regte. Was eigenartig anmutete, denn auch wenn Schatten, so wie die die Sonne verdeckende Burgmauer einen warf, durchaus Vampire schützen konnten, so bereitete auch schon der nahe Schein ihnen Schmerzen. Doch den Vampir schien nichts zu plagen. Tatsächlich reckte er seinen in Ketten gelegten Leib, um einen erwartungsvollen Blick die Mauer hochzuwerfen. Er schien nicht einmal zu wissen, dass nicht nur der pure Schein ihm wehtun konnte.
3
Das Gefühl, dass etwas Unerwartetes sich offenbaren würde, verstärkte sich bei der Nonne, während sich der Himmel immer mehr rötete. Auch unter den Ordenssoldaten und den nordischen Krieger kam Unruhe und Verwunderung auf. Allein der jungen Mutter sah man etwas anderes an: hoffnungsvolles Bangen. Dann endlich kletterte der runde Rand der Sonne über die Zinnen der Mauer und die ersten Strahlen wölbten sich in den Hof hinein. Wie eine Flut rollten sie über die Steine der Mauer, über den Staub des Hofes, und über das Gras, welches den Baum Gesellschaft leistete, bis sie gegen die Rinde brandeten. Und den Vampir vollkommen übergossen, ohne ihn in Brand zu setzen.
4
„Was in Gottes Namen geht hier vor sich?“, entfuhr es Paladin Ludwig laut und er drehte seinen Helm zu dem Ordensvater, ihm wohl durch den Sehschlitz einen fragenden Blick zuwerfend. Die Antwort konnte Sanguine auf die Entfernung nicht verstehen, doch sowohl der Wink des Ordensvaters wie auch das folgende Erheben des Speeres des Paladins ließen einen diese sich leicht erschließen. Plötzlich schnellte die junge Mutter hoch und eilte voran, nur um dann ins Taumeln zu geraten. Sie wäre zu Boden gegangen, wäre Sanguine nicht an ihre Seite geeilt. „Halten Sie sie bitte auf!“, keuchte die junge Frau. „Ich habe etwas zu gestehen!“ Die Nonne sah auf, genau in dem Moment, als der Paladin dem Vampir den Speer in die Brust stach. Bei jemandem Festgesetzten hätte Bruder Ludwig niemals verfehlen können, weshalb es Sanguine verblüffte, dass sich der Körper des Vampirs nicht auflöste und sein Gehirn mitsamt dem Nervensystem entblößte. Die von allem geteilten Verwirrung nutzte die Nonne, um zu rufen: „Wartet! Sie hat etwas zu sagen!“ Aller Blicke richteten sich auf die beiden Frauen, bis auf Paladins Ludwig, der weiterhin versuchte, die Speerspitze tiefer hineinzudrücken, während der Vampir schrie. „In Gottes Gnaden, bitte hören Sie auf“, flehte die junge Mutter, von der Nonne gestützt vor den Ordensvater herantretend. Für einen Moment musterte der Ordensvater die junge Mutter, dann befahl er: „Halte inne, Paladin Ludwig. Zieh deinen Speer heraus.“ Der Paladin verharrte. Auch wenn seine Miene unter dem Helm nicht zu erkennen war, so ahnte Sanguine einen verärgerten Ausdruck. Doch der Paladin gehorchte und zog den Speer heraus, jedoch nicht ohne Widerstand. Die Spitze verfing sich in etwas und zog es mit sich aus dem Brustkorb heraus. Es glich eine rote Schlange, deren Leib von Pulsen durchdrungen wurde. ‚Es ist das eine der Schlagadern?‘, dämmerte es der Nonne, während sie dabei zusah, wie die Schlange endlich von der Spitze abrutschte und sich zurück in den Brustkorb zog, welcher sich anschließend verschloss.
5
„Ein Mysterium nach dem anderen“, fasste Ordensvater Berthold zusammen, was wohl jeder dachte, bevor er sich an die junge Mutter wandte: „Ich hoffe sehr, du bist nun bereit, uns Aufklärung zu geben.“ „Dann hatte sie also doch etwas zu verbergen“, murrte der Paladin, während die junge Mutter ihren Mut zusammenraffen musste, bevor sie gestand: „Ich hatte etwas verschwiegen. Als Filippo zusammengebrochen war, … bekam ich Mitleid mit ihm.“ „Mitleid mit solch einem Scheusal?“, entfuhr es dem Paladin, worauf der Ordensvater sprach: „Schweig. Und du, rede weiter.“ Die junge Mutter nickte ängstlich: „Er hatte sehr mit sich gekämpft, sich selbst wehgetan, um mir und meinem Kind nichts anzutun. Ich … ich spürte, dass ich etwas für ihn tun musste. Ihm helfen.“ „Und wie hast du ihn geholfen?“
6
„Ich … ich habe ihn gestillt.“ Ein Geständnis, das diverse Reaktionen hervorrief. Viele, unter anderem Sanguine, konnten nicht anders, als es einfach zu vernehmen, nicht wissend, wie sie darauf reagieren sollten. Selbst Ordensvater Berthold, immer so besonnen und beherrscht, entglitten die Züge in regungslosem Unglauben. Einige, vor allem unter den ruppigen Nordmänner, lachten auf bei diesem absurden Gedanken. Doch einen packte die Wut. „Du hast solch ein unheiliges Monstrum mit deiner Brustmilch genährt?“, brüllte Paladin Ludwig voller Zorn und er trat mit dem Speer in der Hand an die junge Mutter heran, sich drohend über ihr aufbauend. Diese wich mit ihrem weinenden Kind zurück, sich rechtfertigend: „Ich wollte nur sein Leid lindern.“ „Vampire leiden nicht“, erwiderte der Paladin. „Sie bringen nur Unheil. Sie und ihre Handlanger.“ Als er die Speerspitze auf die junge Mutter richtete, stellte sich Sanguine dazwischen, ihn anbrüllend: „In Gottes Namen, halte ein, Bruder. Hast du den Verstand verloren?“ „Sie ist eine Verräterin an Gott und Mensch!“, erwiderte der Paladin und versuchte den Speer an der Nonne vorbeizudrücken, doch sie verblieb in seinem Weg. Im nächsten Moment wurde der Stab des Speeres von einer kräftigen Hand gepackt. „Lass los!“, donnerte der Paladin Woldemar an. „Selbst ein Heide wie du muss doch sehen, dass diese Frau unser Feind ist.“ „Im Moment sehe ich nur einen mit Stahl behängten Narren, der feige zwei Frauen anfallen will“, erwiderte der Berserker und unter dem Gegröle seiner bärtigen Kumpane spannte er drohend die Muskeln seines nackten Leibes an.
7
„Genug!“, donnerte Ordensvater Autorität über die beiden Männer hinweg. „Paladin Ludwig, auch wenn ich deine Bedenke verstehe, solltest du nicht deine Waffen gegenüber einer Mutter erheben. Lass von ihr ab.“ Widerwillig senkte der Paladin seine Sperr, nachdem der Berserker losließ, jedoch nicht ohne ein letztes Widerwort: „Aber ist eine Schandtat, ein Verrat, einem Vampir Blut freiwillig zu geben.“ „Sie hat aber nicht ihm Blut gegeben“, wies der Ordensvater ihm hin. „Ihre Tat ist eigenartig und sie muss dementsprechend von unseren Höhergestellten beurteilt werden. Schwester Sanguine, ich vertraue sie für die Rückkehr deiner Obhut an.“ „Ich werde sie wie meinen Augapfel behüten“, versprach die Nonne, die junge Mutter schützend an ihrer Seite haltend. Waldemar deutete auf den Vampir: „Und was ist mit ihm? Soll ich ihn zerhacken?“ Erwartungsfroh erhob er die Axt, doch der Ordensvater schüttelte den Kopf: „Ich will mit ihm reden.“
8
„Filippo ist dein Name, oder?“ „Es war zumindest meiner gewesen, bevor ich verdammt wurde.“ „Filippo, ich will dich nicht täuschen: Ich sehe weiterhin eine Gefahr in dir, die ich bannen muss“, erklärte der Ordensvater in ruhigem Ton. „Doch an dir ist so vieles eigenartig, dass ich zu dem Schluss gekommen bin, dass ich dich zurück zum Orden bringen muss. Aber als Gefangenen und dich könnte ein Schicksal schlimmer als das Ende erwarten.“ „Sie wollen an mir experimentieren.“ „Darauf wird es wohl hinauslaufen“, nickte der Ordensvater. „Wenn du die Gnade des Endes vorziehen willst, dann werde wir sie dir gewähren. Nachdem wir herausgefunden haben, wie wir das bewerkstelligen können.“ „Nehmen Sie mich bitte mit“, bat Filippo ohne Zögern. „Wenn ich dabei helfen kann, der Bedrohung durch die Vampire Einhalt zu geben, bin ich bereit, weiter zu leiden.“ „Bist du dir sicher?“ „Absolut.“
So wurde letztendlich, wenn auch nicht zum Gefallen aller, beschlossen, Filippo, den eigenartigen Vampir, zurück zum Orden zu bringen. Als man seine Ketten von dem Baum löste, stellte sich heraus, dass er inzwischen eingeschlafen war, wobei man auf seiner Miene tatsächlich Hoffnung und Zuversicht lesen konnte.

Somit endet diese Geschichte. Eine neue wird in zwei Wochen begonnen, am 05. Dezember 2025.

Admin - 10:36:39 @ Erzählung, Fiktion in Fiktion | Kommentar hinzufügen