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Blogpost aus Mora


2025-12-19

Die Schlacht bei Parisi – 1. Kapitel - Teil 2

1
Diego ergriff als erster wieder das Wort und fragte, verlangend in die Runde blickend: „Was hat sie gerade gesagt?“ „Das du das Maul halten sollst“, erwiderte Mathias, worauf aber sogleich einer der weißuniformierten Soldaten etwas auf Iberisch rief. Dieser verstand wohl tatsächlich Gallisch, denn Diego setzte sich neben Odette ins taufrische Gras und ergriff ihre Schulter: „Genau das habe ich befürchtet. Sie ist vollkommen am Ende. Weil schwache Männer sie vorschieben, anstatt sie zu schützen, wie es die Pflicht verlangt.“ „Eher weil du sie bedrängst!“, feuerte Mathias eine Breitseite und traf den Iberier hart, denn dieser sah entgeistert hoch zu dem Magier: „Was sagst du da?“ „Oh, du verstehst mich schon richtig, du Schuft“, brummte Mathias, während der Iberer sich wieder erhob. „Dass Odette es elend geht, liegt auf der Hand. Uns allen geht es schlecht. Doch du bist verdächtig munter beim Glucken. Tust die ganze Zeit so, als würdest du dich um Odette sorgen. Doch in Wahrheit geht es dir gar nicht darum, stimmt‘s? Du willst dich tatsächlich an sie heranmachen, sie dir nehmen, während um uns herum unsere Kameraden, deine Kameraden im Kampf fallen und …“
2
Aufgrund ihrer Müdigkeit und ihres mangelhaften Teutonisch wusste Odette nicht genau, warum auf einmal die Fäuste zwischen den beiden Männern flogen. Doch es interessierte sie auch nicht wirklich. Vielmehr war sie dankbar dafür, denn das Klatschen der Schläge war wesentlich weniger zermürbend als die Worte. Selbst das Gejaule der Soldaten und Soldatinnen um sie herum zerfloss zu einem einzelnen leeren Ton, der sich wie eine zweite Decke über sie legte.
3
Tatsächlich musste sie für einen kurzen Moment eingenickt sein, denn sie schreckte hoch, als die kräftige, rollende Stimme von Offizier Eisenhauer ertönte: „Was geht hier vor sich?“ Wenn es auch wie eine Frage formuliert gewesen war, so entfaltete es sich als ein Befehl, der sowohl von Mathias als auch von Diego sogleich befolgt wurde, wobei letzterer ersterem den Kragen losließ. Wie der von Moss besetzte Stamm einer alten Eiche übertrumpfte das Dunkelgrün der Uniform des großgewachsenen Goten das Blau und Weiß um ihn herum, auch dank seiner festen, kerzengeraden Haltung. Selbst die dampfende Tasse hielt der ältere Offizier mitsamt Untertasse in seinen Händen auf dieselbe einstudierte Art und Weise, wie er sie von seinen Männern und Frauen beim Halten der Musketen erwartete.
4
Wesentlich entspannter erwies sich die Haltung der Lamia, die hinter ihm hervorgeschlängelt kam. Zum ersten Mal an diesen Morgen erschien die Trübnis für Odette nicht mehr so erdrückend dicht. Latifas Anblick war ein Balsam für die Seele, denn das ungebrochen fröhliche Gemüt der Lamia strahle immer nach außen hin. Vermutlich, weil sie allein so bunt war wie der Haufen Soldaten um sie herum. Wie viele der kuscherischen Soldaten hatte sie braune Haut und rabenschwarzes Haar, wie bei allen Soldaten militärisch kurz geschnitten. Doch ihre Schuppen hingegen glänzten hellblau, was nur möglich war, weil die Lamia trotz des nasskalten Herbstwetter keinen Schwanzschuh trug. Was Odette sehr verwunderte, da die aus heißen Gefilden kommende Kushin eindeutig wie ihre Kameraden an der Kälte litt, wie ihre dick gepolsterten, goldgelben Jacken verrieten. Sie konnte nur mutmaßen, dass die Lamia sich frei schlängeln wollte, bevor sie für die Schlacht einen Schwanzschuh überziehen musste. Oder sie wusste über die erfrischende Wirkung ihres Auftretens Bescheid. Denn dieses Farbgemisch gab Latifa den Hauch einer morgenländischen Tänzerin oder gar eines Prinzesschen, was noch weiter durch die starken geschwungenen Bewegungen ihres Beinschwanzes beim Schängel verstärkt wurde. Somit fiel es Odette immer noch schwer zu glauben, dass diese Lamia Teil der Jägertruppe war.
5
Doch im Moment ging es Odette auch mehr um das, was Latifa mit beiden Händen haltend umherschwenkte: eine Kanne. Aber nicht irgendeine, sondern eine goldene, mit einem langen, gebogenen Hals. In welcher ein edles Gebräu sich verbarg: Kaffee. Odette hatte nur davon gehört, es aber nie selbst trinken können, da es aus dem Morgenland gebracht werden musste und somit nur für die Wohlhabenden erschwinglich war. Doch die zu ihnen dazugestoßene kuschische Soldaten hatte eine große Menge an Kaffeebohnen mitgebracht und die Dunkelhäutigen scheuten sich nicht davor, es zu teilen. Schon hielten viele Soldaten und Soldatinnen, Blau und Weiß in Eintracht, ihre Becher entgegen, ehe Latifa mit Mühe ein paar teutonische Worte aussprechen konnte: „Kaffee! Neuer Kaffee!“ Schon wollte sie dem ersten eingießen, doch da fiel ihr Blick auf die geschlagene Odette. Frech schnippte der dünne Hals der Kanne zurück, einen enttäuscht aufmurrenden Soldaten zurücklassend. Dieser wurde jedoch sogleich von einem von Latifas Landsleuten besänftigt, der zusammen mit den anderen Küchendienst habenden neben dem Kaffee auch die morgendliche Suppe verteilte.
6
„Halte Mut“, lächelte die Lamia und schenkte mit einem eleganten Schwenk den Kaffee in Odettes Becher. „Aller Sieg wird unser.“ Da die teutonische Sprachbrücke zwischen den beiden Frauen mehr als wackelig anmutete, kratzte die Wolffrau ihre gesamte Willenskraft zusammen und ließ diese an den Mundwinkeln ziehen, obwohl ihr an diesem trüben Morgen überhaupt nicht nach einem Lächeln war. Doch konnte sie so zumindest ihren Dank für die strahlende Freundlichkeit und den aufmunternden Kaffee geben.
7
Während Odette an ihren Becher nippte, forderte Offizier Eisenhauer zu wissen: „Welcher Anlass kann tapfere Soldanten wie euch beide dazu fehlleiten, die Fäuste gegen den eigenen Kameraden zu erheben?“ Ein Schluck Kaffee wurde mit demselben mechanischen Geschwindsein genommen, wie dem von dem Hahn von Odettes Muskete, wenn dieser nach dem Drücken des Abzuges gnadenlos auf die Pfanne herabschlug und das Pulver entzündete. „Vor allem, wenn wir unser aller Feind heute endgültig schlagen wollen?“ „Er will zur Fahnenflucht anstiften!“, erklärte Mathias lauthals und heftig auf den Iberier deutend. „Dies entspricht nicht der Wahrheit!“, erwiderte Diego. „Ich beklagte nur, wie herzlos es ist, die Frauen zum Kämpfen zu zwingen! Außerdem hat er angedeutet, dass ich ein Vergewaltiger bin!“ „Das habe ich gar nicht!“, widersprach der Magier, doch bevor die Worte oder gar die Fäuste wieder fliegen konnten, donnerte die Stimme Eisenhauers: „Ich forderte Antworten, nicht wüste Anschuldigungen.“ Sie hatte wahrhaftig gedonnert, wie ein einschlagender Blitz. Mit einer einzigen, starken, ununterbrochenen Kraft, da es keine gebürtige Gegenkraft gab, die sie hätte mindern können. Auch die Mimik des Offiziers regte sich bei der Stimmerhebung geordnet, wobei der stolze Schnurrbart wie ein sich aufbauender Bär anmutete.
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„Fahnenflucht stellt ein äußerst schweres Vergehen dar“, fällte Offizier Eisenhauer sein Urteil. „Dein Verhalten, Diego, könnte man bereits als die Anstiftung zur solch einer ansehen und mit dem Feind vor uns wäre ich befugt, dich auspeitschen zu lassen. Doch ich, deine Kameraden und selbst die Götter …“ Diego runzelte die Stirn. „… sind Zeugen deines Mutes auf dem Schlachtfelde. Somit bin ich mir bewusst, dass dein Handeln nicht aus Feigheit, sondern aus fehlgeleiteter Fürsorge erfolgte. Ich werde deshalb Nachsicht walten lassen. Aber nur, wenn du, tapferer Soldat, dich auf unsere Aufgabe konzentrierst: Der Feind ist vor uns und alle Männer sowie Frauen sind hier, um ihn zurück ins Meer zu schlagen. Lenke nicht mit luftigen Dingen wie Philosophie oder Theologie ab. Die können frei herumflattern, sobald sich der Pulverdampf verzogen hat.“ Es war sichtlich, dass der Iberer noch weiter protestieren wollte, doch unter dem strengen Blick Eisenhauers konnte er nicht anders, als zu salutieren: „Jawohl, Offizier Eisenhauer.“ Seine weiß uniformierten Kameraden taten es gleich mit den Trinkbechern in der Hand. Mit einem zufriedenen Nicken richtete der Offizier seinen Blick auf Mathias: „Ich lobe deine Gewissenhaftigkeit. Doch achten musst du auch darauf, dich nicht von einem rechten Punkt in ein haltloses Anklagen hinein verführen zu lassen.“ „Ich schwöre, es war nicht meine Absicht, etwas so sehr Verwerfliches anzudeuten“, sagte Mathias, worauf Diego beharrte: „An meinem Verhalten war überhaupt nichts Verwerfliches. Mich trieb Sorge, nicht Wollust. Frauen sollten nicht kämpfen, sondern zuhause das Heim hüten.“

Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen am 02. Januar 2026 veröffentlicht.

Admin - 09:37:20 @ Erzählung, Historische Stücke | 5 Kommentare