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Blogpost aus Mora


2026-01-02

Die Schlacht bei Parisi – 1. Kapitel - Teil 3

1
„Ist gleich“, brummte Odette und schluckte den letzten Kaffee. „Eine Lieue vorne, Kemeten töten mich. Eine Lieue hinten, verbrennen sie mein Heim.“ „Moment, du meinst, weniger als ein Stundenmarsch?“, wunderte sich Mathias, worauf die Wolffrau nur mit den Schultern zuckte, wobei ihr die Decke nun ganz wegrutschte. Sie hatte nie große Lust verspürt, all diese neuartigen metrischen Einheiten auswendig zu lernen, obwohl sie nun der Standard für ganz Mora werden sollten. Was war denn an den alten pouce, pied und toise auszusetzen, die schon ihre Vorväter und -mütter nutzten?
2
Auch Offizier Eisenhauers Seele ergriff die Implikation, die zuerst Mathias angesprungen hatte, und er fragte Odette: „Du stammst also aus diesem kleinen Städtchen dahinten? Aus Parisi? Warum erwähntest du das nicht? Ich hätte dir ein paar Stunden gewähren können, um deine Familie zu besuchen.“ „Ich ging nicht …, weil ich verliere Mut“, stammelte Odette, froh darüber, dass sie hinter ihrem schlechten Teutonisch verbergen konnte, warum sie ihr eigenes Heim fürchtete.
3
Ihr Vater war ein Feigling gewesen. Aber ein sehr guter, der mit dem Senken seines Kopfes die Hälse seiner Familie mehrmals rettete. Als vor zehn Jahren die Revolution begann, webte er mit seiner Ehefrau, dem Mädchen Odette und ihren vier Geschwistern in ihrer kleinen Weberei die Uniformen für die königlichen Soldaten, die in der nahe Hauptstadt Trauerheid versuchten, die Revolution niederzuschlagen. Als dies nicht gelang und christliche Rebellen die Armee vertrieben, webten sie Uniformen mit Kreuzen und sahen weg, als ihre kleinen Schreine geschändet und der heilige Hain niedergebrannt wurde. Denn so waren sie zumindest sicher, vor allem vor den Kommunisten, die jeden umbringen wollten, der etwas hatte. Warum auch immer … Selbst die mit Federn bestückten Roben der einfallenden Kemeten flickten sie ohne Klagen. All die Zeit wucherte Hass in der zur Frau heranwachsenden Odette, nicht nur auf die wechselnden Unterdrücker, sondern auch auf ihren Vater, der einfach den Kopf senkte. Nachdem die vereinigte Armee der Revolutionäre und der Königstreuen zusammen mit den Allianzverbündeten die Kemeten aus Wendel zurückdrängten und dabei Odettes kleine Heimatstadt befreiten, ertrug sie das Senken ihres Kopfes nicht mehr und folgte hinter dem Rücken ihres Vaters dem Ruf der Rekrutierung, fest entschlossen, diesem Feigling erst wieder ins Gesicht zu blicken, wenn kein Kemeter seinen Fuß mehr auf wendelischen Boden hatte.
4
Ein fest gefasster Entschluss, der im Lauf der Zeit mit Verzweiflung untermauert wurde. Denn es zeigte sich, dass die Kemeten den Boden, den sie nicht ihr Eigen nennen konnten, einfach niederbrannten. Beim ersten Einfall eroberten sie noch die Städte und besetzten sie. Doch nun schleiften die Heere des Pharaos sie, nachdem sie die Armeen Wendels und ihrer Verbündeten nach und nach zurückdrängten. Odettes Kompanie musste schon mehrmals aus verlorenen Schlachten fliehen, jedes Mal Kameraden zurücklassend. Die Lücken in ihren Reihen füllten nun die Iberer, die Goten und die Kuschiten. All die Opfer erwiesen sich aber als umsonst, denn der Feind näherte sich wieder Odettes Heimatstädtchen und wie ein Wolf würde er an die Kehle springen, ganz gleich wie tief der Kopf gesenkt wurde.
5
Odette fürchtete sich vor dem Tod und davor, ihre Familie nicht ein letztes Mal zu sehen. Doch noch mehr fürchtete sie, was die Kemeten ihnen antun würden. Deshalb durfte sie nicht zurückkehren, sondern musste kämpfen. Genau dies sagte sie auch: „Keine Sorge. Ich … halte Pflicht. Kämpfen und Sterben.“ „So sollte aber niemals eine pflichtbewusste Soldatin denken“, schüttelte der Offizier seinen Kopf wie das Segel eines Schiffes. Unerwartet setzte sich er vor Odette neben dem kleinen Lagerfeuer ins Gras. Eigentlich ein simpler, banaler Akt, doch der Gote musste dabei nicht einmal die Tasse aus der Hand ablegen und sich abstützen. Er senkte seinen Leib so stramm wie eben eine alte Eiche, die ihre Wurzel zurück in die heimatliche Erde steckte, nachdem sie von einer Dryade ausgeführt worden war.
6
„Vielen Dank“, wippte der Schnurrbart des Offiziers, als Latifa ihm erneut in die Tasse einschenkte. Die junge Wehrsoldatin und ihre beiden sich immer noch etwas böse anfunkelnden Kameraden hingegen hielten ihrem Küchendienst leistenden Kameraden, einem blondschuppigen Echsenmann in blauer wendelischer Uniform, der mit einem großen Suppentopf umherging, ihre eisernen Essschalen entgegen. Odette zuckte ungläubig mit ihren Ohren, als sie die braune Flüssigkeit aus der Kelle in die Schale hineinfallen sah, und versenkte sofort ihren Löffel, um sie zu schmecken. Tatsächlich schwappte die Suppe dickflüssig in ihrer Mundhöhle und schmeckte sogar ganz gut. Über die letzten Wochen des Krieges hinweg mussten das Essen streng rationiert werden, sodass die Suppe immer wässriger wurde, ein kleines Meer, in dem einsame Kartoffelstücke und vereinzelte Streifen Dörrfleisch schwammen. Doch nun tummelten sich Speckwürfel, Erbsen und anderes Gemüse drinnen und zwar nicht zu knapp. Allerdings konnte Odette trotzdem die Suppe nur schwer schlucken, denn sie ahnte, dass man dies wohl dem Umstand zu verdanken hatte, dass die Generäle ein Haushalten nicht mehr für notwendig hielten.
7
„Sieh das als eine Stärkung vor einer wichtigen Schlacht“, sprach der Offizier weiter. „Und nicht als eine Henkersmahlzeit.“ „Ich nicht verstehe?“, musste Odette verwirrt erwidern. Wessen Mahlzeit meinte er? „Ich meine, dass ist nicht deine letzte Mahlzeit“, erklärte der Gote. „Du wirst noch viele weitere dir munden lassen, nachdem wir heute gesiegt haben werden.“ Merkend, dass Odette Schwierigkeiten hatte, ihm zu folgen, wandte sich Eisenhauer an den Blutmagier: „Mathias, übersetze für mich.“ Dieser nickte und sprach die Worte des Offiziers auf Gallisch nach: „Odette, du und deine Kameraden kämpfen hier nicht nur für eure Heimat. Und auch nicht nur für eure Familien. Sondern auch für euch selbst. Denn eure Pflicht ist es nicht, für das Heute zu sterben, sondern für das Morgen zu kämpfen.“ Seine Worte waren nicht nur an Odette gerichtet, wie sein fester Blick in die Runde der um ihn sitzenden Soldaten und Soldatinnen verriet. Wobei seine Augen gegen viele andere stießen, die zwar nicht gehässig, aber auch nicht sehr zusagend zurückblickten. Jeder hier wusste, was auf dem Spiel stand, und jeder war bereit, zu kämpfen. Doch niemand erlaubte sich Fantasien darüber, wie viele von ihnen morgen noch atmen würden.
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„Schreite deshalb wagemutig, aber nicht todesgeweiht in die Schlacht“, schloss der Offizier seine kleine Rede ab und ließ eine kleine Stille wiegen, wobei er einen weiteren Schluck Kaffee genoss. Dann sah er überraschend nachsichtig Odette an: „Ich sehe, dass meine Worte noch nicht dich ermutigen konnten. Warum nicht? Fällt es dir schwer, dir ein Morgen vorzustellen?“ Sein Blick wurde fordernd tief. „Odette, wenn wir die Kemeten endlich zurückgeschlagen haben werden und du die Muskete ablegst: Was wirst du dann tun? In der Dämmerung deines Morgens?“ Darauf wusste Odette keine Antwort, denn da war kein Morgen. Sie konnte sich an die Morgendämmerung dieses Tages erinnern, doch sie konnte nicht einmal die kommende Abenddämmerung vorstellen. Vor ihr waberte nur Nebel, das Nichts nach dem Ende. Am Anfang hatte sie sich durchaus noch vorstellen können, wie sie wieder heimkehrte. Zurück zu ihrer besorgten Mutter, den aufgeregten Geschwistern und dem erzürnten Vater, der aber sie trotz allem in die Arme nehmen würde. Doch dies verschwand immer mehr, zuerst unter Schwaden, wie der Morgendunst sie hier zog, und dann unter dichtem Nebel. „Ich werde zurück zu meiner Familie gehen“, grub sie diese alte, vergebliche Hoffnung mühsam aus. „Und werde meinen Vater wieder in der Weberei aushelfen.“ „Das ist zu klein“, schüttelte der Offizier den Kopf. „Du musst größer denken.“ „Wie meinen?“, musste Mathias nicht einmal Odettes Verwunderung übersetzten, denn er teilte sie. Somit richtete sich auch die Antwort an ihn: „Unser Kampf mag bald enden, doch es wird viel Arbeit verbleiben. Uns steht ein riesiger Aufbau bevor.“

Der nächste Teil der Geschichte wird am 16. Januar 2026 veröffentlicht.

Admin - 20:24:39 @ Erzählung, Historische Stücke | 189 Kommentare