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Blogpost aus Mora


2026-01-16

Die Schlacht bei Parisi – 1. Kapitel - Teil 4

1
Odette würde ihn eher als ‚gewaltig‘ bezeichnen. Ihr kleines Heimatstädtchen Parisi mag bislang größtenteils von der Verwüstung verschont geblieben sein, doch anderen Orten war solch ein Glück nicht vergönnt. Selbst in Vitrotis und Trauerheid standen nur noch wenige unversehrte Häuser. Aber auch die Leute selbst waren vom Krieg gezeichnet worden. Odettes Seele wurde erstochen, als sie an die Kolonnen von Flüchtlingen dachte, die ihnen beim Marschieren entgegenkamen. Menschen, die alles verloren hatten, bis auf die Kleider, die sie trugen. Welche aber ebenfalls wenig unversehrt waren. Zerrissen und durchlöchert, sodass sie wenig gegen die herbstliche Kühle schützten. Vor allem die halbnackten Kinder zerrissen ihr die Seele und sie war Offizier Eisenhauer dafür dankbar, dass er erlaubte, den Armen ihre abgetragenen Uniformen zu geben. Welche leider ebenfalls nicht sehr gut in Schuss waren. Selbst jene, die Odette und ihre Kameraden jetzt trugen, waren mit Flicken übersäht. Doch zumindest hatten die Flüchtlinge eine Schicht mehr, die sie wärmte.
2
Doch dies würde nicht reichen. Jemand musste sie einkleiden, und zwar rasch, denn der Winter nahte. Doch Odette war nur eine einzelne Weberin. Was könnte sie schon tun? Doch dann erinnerte sie sich an etwas, was sie vor einem halben Jahr im Frühling in Trauerheid gesehen hatte, wo man sie in der Kaserne durch den Wehrdrill scheuchte. Während des seltenen Freiganges vernahm sie Geräusche, ein unermüdliches Klackern, welches ihr vertraut vorkam, welches sie aber nicht einordnen konnte. Auch wenn es ihr sicher nicht erlaubt gewesen war, war sie von der Neugierde getrieben in die große Halle gegangen, aus der die Geräusche kamen. Dort erwartete sie ein sehr vertrauter Anblick, der der Mittelpunkt ihrer Kindheit gewesen war: ein Webstuhl. Nicht nur einer, sondern mehrere. Doch der Webstuhl ihres Vaters war ein Werkzeug gewesen, welches mit der Kraft der eigenen Füße betrieben und dessen Regungen mit den eigenen Händen veranlasst werden mussten. Doch diese Webstühle hier arbeiteten von selbst, ohne Menschenhand. Nur Menschenaugen lagen auf ihnen, wachsam ihren Betrieb beobachtend.
3
Odette realisierte, dass sie diese neuartigen Kraftstühle vor sich hatte, mechanische Webstühle, die von einer Dampfmaschine angetrieben wurden. Ihr Vater hatte von solchen erzählt und sich heftig den Mund über sie zerrissen. Eine plumpe Maschine würde laut ihm niemals so feinen Stoff wie menschliche Finger weben können. Dementsprechend würde er sich aufregen, wenn er wüsste, dass diese Kraftstühle Odette an ihn erinnerten, während sie wie ein kleines Mädchen staunend dastand, mit offenem Mund, wackelndem Schwanz und zuckenden, damals noch unversehrten Ohren. Denn das Klackern klang wie seines. Die junge Wolffrau selbst war noch recht ungeübt im Umgang des Webstuhles, kam mit ihren Händen und Pfotenfüßen zu leicht aus dem Takt. Somit klackerte es unregelmäßig und das den Schussfaden zwischen den Kettfäden ziehenden Schiffchen flitzte nur träge hin und her. Doch wenn ihr Vater sich heransetzte, klackerte es rasch und regelmäßig. So wie bei diesen Kraftstühle, aber noch schneller, weshalb Odette die Geräusche nicht gleich einordnen konnte. Nachdem der Betreiber sie vertrieben hatte, dachte sie noch lange an die Kraftstühle.
4
„Ich hätte gern einen Kraftstuhl“, offenbarte sie auf einmal, allesamt ihre Kameraden und sogar Offizier Eisenhauer überraschend. „Einen … Kraftstuhl?“, wiederholte Latifa unschlüssig und leicht auf ihrem Beinschwanz wippend. „Einen … Thron?“ Einer ihrer dunkelhäutigen Kameraden erklärte es ihr sogleich auf Hellenisch, worauf ihr Gesicht aufleuchtete. Dies ermutigte Odette, auszuführen: „Ich will nach dem Krieg all die geplagten Leute einkleiden. Mit schönen Kleidern und feinen Gewändern. Mit Hosen und Röcken. Hemden und Jacken.“ Sie überlegte kurz. „Nur keine Uniformen.“ Daraufhin zuckte sie zusammen. „Ähm, das war nicht gegen euch gerichtet.“ Doch dies entlockte ihren Kameraden nur lautes Lachen, der erste helle Ton an diesem trüben Morgen und der Offizier grinste tatsächlich unter seinem Schnurrbart: „Ich denke, die meisten von uns wollen keine Uniform mehr sehen, wenn der Krieg vorbei ist. Ich werde auf jeden Fall in den Ruhestand treten. Mich vor dem Kamin ausruhen. Eine schöne Wolldecke käme da recht …“ „Doch so ein Kraftstuhl kostet doch Unmengen“, warf Mathias ein. „Das kannst du dir nie leisten.“ „Ich werde was zusteuern“, verkündete Diego auf einmal, worauf der Blutmagier ihn schief ansah: „Ach, weil das Weben einer Frau angemessen ist? Ach, was soll‘s … Ich gebe auch was dazu.“ „Auch! Auch!“, äußerte die Lamia, nachdem man es ihr übersetzt hatte. Nach und nach fiel ein Kamerad und eine Kameradin nach der anderen ein, was Odette völlig perplex in alle Richtungen hin- und herblicken ließ. Doch dann lächelte sie aufrichtig. Noch immer fiel es ihr schwer, an ein Morgen zu glauben. Doch sollte sie die Schlacht überstehen, dann sollte es ein Leichtes sein, einen Kraftstuhl aufzutreiben.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 30. Januar 2026 veröffentlicht.

Admin - 11:43:01 @ Erzählung, Historische Stücke | 11 Kommentare