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Neues aus Mora





 

Blogpost aus Mora


2026-01-30

Die Schlacht bei Parisi – 2. Kapitel - Teil 1

1
Das Schachspiel hatte Odette immer eigenartig dämlich gefunden. Was nicht nur darin begründet lag, dass ihr als einer einfachen Webertochter die intellektuelle Finesse nicht zu Eigen war, die man für raffinierte Züge hin zum Schachmatt benötigte. Doch dafür konnte sie sich rühmen, einen bodenständigen Lebenssinn zu haben, ganz anders als die hohen Herren und Damen des Adels, die sich einbildeten, dass solch langsames Spiel, bei dem man nacheinander seine Figuren zog, tatsächlich dem wilden Kämpfen in einer Schlacht ähneln würde. Und dass ihr Können auf den schwarzweißen Felder sie den legendären Helden und Generälen gleichen lassen würde. Solch eine närrische, ja geradezu kindliche Vorstellung konnte nur jemand hegen, der in seinem Palast wohlbehütet auf seidenen Kissen herumfaulenzte.
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Doch erneut dämmerte es Odette böse, während sie mit ihren Kameraden und Kameradinnen Schulter an Schulter und in drei Gliedern aufgereiht auf dem Schlachtfeld stand, dass das Schachspiel ihr nur so irrsinnig erschien, weil sie von unten blickte, während die Feldherren und -herrinnen von oben herabsahen. Denn die Schlacht hatte bereits begonnen und im grauen Himmel über ihr sausten über den Köpfen die Kanonengeschosse ihrer Seite hinweg zu den in der nahen Ferne liegenden Hügeln, in die Linienreihen der anrückenden Kemeten einschlagend. Natürlich ließ sich der Feind dies nicht bieten und erwiderte das Feuer. Zumeist brach nur die Erde in der Nähe der Linien auf, doch schon dies ließ Odettes Fluchtsinn aufheulen. Doch selbst als neben ihrer Formation eine Kugel in die benachbarte einschlug und eine Handvoll Soldaten wie rotes Glas zerschmetterte und zersplitterte, hielt sie mit den anderen die Stellung, taub dabei über ihre linke Schulter zusehend, wie in der anderen Linie die nachrückenden Soldaten das Loch rasant schlossen, wie die Wunde eines Magiers.
3
Denn noch hatte der General nicht ihre Bauernfigur für einen Schachzug auserwählt, deren Kopf zwischen Zeigefinger und Daumen eingeklemmt. Noch gab es keinen Zug des Feindes zu kontern. Noch wurde ihr Kampfesmut nicht gefordert. Schließlich hatte die Schlacht gerade erst begonnen. In ihrer Nativität glaubte Odette, dass eine Schlacht nicht so lange dauern würde, selbst eine große nicht. Ein bisschen schon, denn schließlich musste man zum Feind hin marschieren. Doch was sie nicht gewusst hatte, war, dass eine Schlacht nicht einfach durch ein stumpfes Zusammenlaufen in den Gegner erfolgte. Stattdessen stellten beide Seiten ihre Soldaten feinsäuerlich auf dem Schlachtfeld auf, wie Schwarz und Weiß. Dann folgten die ersten vorsichtigen Züge, sich gegenseitig die Bauern vor die Nase schiebend, in der Hoffnung, den anderen zur Voreiligkeit zu drängen.
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Glaubte man, dass das Drängen die Flanke des Feindes entblößte, ließ man die Springer vorantraben. Auf der gegenüberliegenden Seite des Schlachtfeldes spielte sich solch ein Schachzug gerade ab, als eine iberische Kavallerieeinheit in die Flanke einer kemetischen Formation hineingaloppierte, die beim Vorstoß zu wagemutig wurde. Die kemetischen Soldaten verloren ihren Kampfesmut und ihre Formation brach in eine chaotische Flucht auf. Dies diente einigen der hinteren iberischen Reiter als Signal und sie lösten sich aus ihrer Reihe heraus, um dem Feind hinterherzujagen, wobei sie wohl ihre Hände erhoben. Dies konnte Odette von ihrer Position mit bloßen Augen natürlich nicht sehen, doch dafür leuchteten die knallenden Feuerbälle, die schneidenden Wasserfontänen und die aufblitzenden Lichtstrahlen umso eindeutiger in ihre Iris. Die unter den Kavalleristen verstecken Magier – sie trugen dieselben Uniformen wie jeder andere – offenbarten ihre Begabungen und nutzten die schockierende Wirkung auf den Feind als Besiegelung für dessen Flucht.
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Ebenfalls schockierend war es für Odette beim ersten Mal gewesen, so zu sehen, wie grazile Kreaturen wie diese wunderschönen Pferde wie ein Nagel in den Feind gerammt wurden. Es hatte etwas Quälendes, anzusehen, wie die Pferde mit ihren Hufen umherschlugen, versuchend, den Halt nicht auf den zertrampelten Leibern zu verlieren. Allerdings bot es auch keinen schöneren Anblick, wenn das berittene Tier mit Freude sich in den Feind lenken ließ, wie es im Fall der Kriegsdenge gewesen war. Da diese bei weitem nicht so geschwind wie die Pferde waren, nutzen man sie nicht für schnelle Flankenangriffe, sondern als Unterstützung der Linieninfanterie. Deshalb ritten die Reiter dieser Kriegsdenge hinter den Gliedreihen umher, die Unruhe ihrer Reittiere so im Griff behaltend. Zwar sah Odette sie nicht, da sie den Blick nach vorn gerichtet hielt und nur zu den Seiten linste. Doch dafür roch sie umso deutlicher deren Geifer, der sogar den Pulverdampf ausstach, und ihr Hecheln kroch unheilvoll ihr in den Kragen. Sie hatte schon vor der Rekrutierung einen Deng gesehen, denn in ihrer Nachbarschaft lebte einer. Doch der alte Nicole mit den schwarzen Schlappohren war ein ganz lieber, so freundlich und verspielt wie seine kleineren Brüder und Schwestern, die Hunde. Doch diese Kriegsdenge hingegen muteten in ihrem Aussehen so wölfisch, dass Odette den Verdacht hegte, dass es wahrhaftige Wargs seien, so sehr die Reiter auch beteuerten, es würde sich nur um eine besonders ungestüme Züchtung handeln.
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„Männer und Frauen, wir sind an der Reihe!“, rief Offizier Eisenhauer. „Im Gleichschritt Marsch!“ Die nahe ihm stehende Odette verwunderte es nicht, dass der Befehl scheinbar aus dem Nichts kam. Die Seele des Goten war verbunden mit die eines Seelenmagier, der im Zelt der Generäle saß und Befehle sowie Berichte durch das Denken allein schneller überbringen konnte als jeder Bote, selbst als eine geflügelte Harpyie, als die Fahnenschwenker oder als die Trommler. Doch für Verwunderung wäre der Wolffrau sowieso keine Konzentration verblieben, denn sie musste auf den Takt ihres mit den Kameraden geteilten Gleichschrittes achten. Vor allem wegen ihrer Beine. Zwar ahnte Odette schon als Kind, dass ihr Schritt anders war als der gewöhnlichen Kinder, da sie wegen ihrer Pfotenfüße eine Zehengängerin war und somit quasi dreigliedrige Beine ihr Eigen nannte, die sich aus Ober-, Unter- und Fußschenkel zusammensetzten, wobei es sich bei letzterem um ihre Fußknochen handelte. Dass der Schwung ihres Ganges sich aber so stark von den anderen unterschied, wurde ihr beim ersten Drill schmerzlich verdeutlicht, denn sie orientierte sich so sehr an dem Schritt ihrer Kameraden, obwohl ihr Takt ein anderer war, sodass der erste kleine Marsch in einem Durcheinander endete. Es hatte Wochen an Gebrüll und Gefluche der Drilloffiziere benötigt, bis Odette und die anderen unerfahrenen Mischmenschen mit ungewöhnlichen Beinen ihren eigenen Schritt und Takt beherrschten. So sehr die junge Wehrsoldatin die Schinderei einst gehasst hatte, so sehr schätzte sie nun die Früchte ihrer Bemühungen, denn nun schritt sie und die anderen Mischmenschen die Linie mit harmonierendem Takte über das Schlachtfeld. Nun ergab es auch Sinn, warum sie ihren Schwanz ebenfalls in einem Takt schwenken sollte, denn sonst wäre es äußerst nervtötend, wenn er andauernd mit denen ihrer Kameraden zusammenstieße.
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Selbst der Harpyius an Odettes rechter Seite schritt mit seinen Klauenfüßen geordnet voran, obwohl jemand wie er eigentlich nichts in der Linieninfanterie zu suchen hatte. Denn das Heer packte die Geflügelten zu den fliegenden Kundschaftern, von denen einige Harpyien und Fledermenschen hoch oben am Himmel die Schlacht im Auge behielten, während unter ihren Fußkrallen die Kanonenkugeln umhersausten. Ebenso einer war der schwarzfederige Simon gewesen und er hatte in den Jahren zuvor in Aphrike beim Schutz der Allianz-Protektoraten bereits seinen Mut im Kampf gegen die Kemeten bewiesen. Bis man ihm den rechten Flügel abschlug, sodass er ehrenhaft aus dem Militärdienst entlassen wurde. Als aber der Pharao, dessen gierige Finger Simon so hart von den zersplitternden Königreichen Aphrikes zurückgeschlagen hatte, wagte, nach Mora zu greifen, kehrte der Veteran zurück und ließ sich eine Muskete in die Hand drücken, um ein weiteres Mal für Wendel und Allianz zu kämpfen.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 13. Februar 2026 veröffentlicht.

Admin - 19:59:20 @ Erzählung, Historische Stücke | 38 Kommentare