2026-02-13
1
Und so marschierten Odette und ihre Kameraden über das feuchte Gras hin zum Feind, wobei das laute, gleichmäßige Stampfen ihrer Schritte sie erneut an den Kraftstuhl denken ließ, denn dessen Klackern hatte einen ähnlichen Klang. So wie seine Einzelteile perfekt aufeinander für ein endloses Weben abgestimmt worden waren, so hatte der Drilloffizier ihre Beine und Rücken zurechtgekrümmt, um einen endlosen Gleichschritt rollen zu lassen. Was letztendlich wohl ihren lieben Vater erneut widerlegte, denn der Kraftstuhl, eine Schöpfung aus totem Holz und glatten Stahl, wob einen vielleicht nicht allerfeinsten, aber guten Stoff, der die Leute einkleiden und wärmen konnte, indem er Fäden miteinanderverband. Doch diese Linienformation, geformt aus Geschöpfen aus warmem Fleisch und weicher Haut, diente allein dazu, Lebensfäden zu durchtrennen. Waren die Finger Odettes und die der anderen Soldanten nicht in diesem Moment weniger menschlich als die einer Maschine, die keine hatte?
2
Odettes Linie hatte bereits die Hälfte des Schlachtfeldes hin zum Feind überwunden, als aus dessen Reihe zwei Kompanien heraustraten und mit einer Lücke zwischen ihren Linien auf sie zuhielten. Vielleicht hatten sie gezögert, weil die Kementen nur äußerst wenige Magier in ihren Reihen hatten und damit keine Seelenmagie für Kommunikation nutzen konnten, sodass sie sich allein auf Boten und Signale verlassen mussten. Oder sie befürchteten einen Hinterhalt aus dem Wald, der an das Schlachtfeld grenzte und an dem Odette mit ihren Kameraden nahe vorbeimarschierte. Die Jägertruppen hatten den kemetischen Soldaten schon so einige bösen Überraschungen beschert und viele Kompanien in heilloses Chaos auseinanderbrechen lassen, indem mit einem aus dem Gebüsch kommenden, zwischen Baumstämmen durchsegelnden Geschoss der Offizier erschossen wurde. Odette linste ab und zu zum Wald hinüber, Ausschau nach Latifa haltend. Sie konnte zwar nicht die Lamia entdecken, doch das musste nichts bedeuten. Wenn die Kuschitin ihre goldene Uniform durch die grünbraune einer wendelischen Jägerschützin tauschte und ihren Beinschwanz vollkommen in einen Schwanzschuh steckte, konnte sich diese mühelos im Laub eines Busches oder sogar in einer farbenfrohen Baumkrone verstecken. Odette wunderte sich, wo die Kuschiten solch Versteckkünste gelernt haben könnte, denn wie die Wolffrau über das im Süden des Glühenden Meeres liegende Kusch gehört hatte, gab es an den Ufern des Niles nur hauptsächlich Sand, aber keine Wälder.
3
„Kompanie, Halt!“, donnerte der Befehl Eisenhauers und Odettes Füße stoppten wie von selbst. Die feindliche Linie war nun nahe, nur noch hundert toise entfernt. Nahe genug, dass es für die junge Wehrsoldatin wieder anschaulich wurde, wie wenig anders die Feindesseite aussah, obwohl sie über das ganze Meer des Atlas gesegelt war. Man würde denken, der Feind würde auf seine ganz eigene, fremdartige Art und Weise kämpfen. Und anders sahen die feindlichen, bronzehäutigen Soldaten auch aus, so wie sie nicht Jacke und Hose, sondern lange Gewänder als Uniformen trugen. Welche schon bei den einfachen Soldaten mit vielen bunten Federn geschmückt waren. Warum so viele Federn? Und warum trugen deren Offiziere Kostüme, die sie wie Adler oder schwarz gepunktete Dolchkatzen aussehen ließen? Zudem befanden sich dort drüben nur gewöhnliche Männer, aber keine Frauen oder Mischmenschen. Doch so fremdartig die feindliche Linie anmutete, angeordnet war sie wie Odettes. Und wie sie und ihre Kameraden auf Eisenhauers Befehl „Bereit machen!“ sofort gehorchten und ihre Musketen erhoben, so taten es auch die anderen. Während die junge Wehrsoldatin mit bebendem Herzen ihre Muskete vor sich hielt und den Hahn des Steinschlosses zurückzog, um die Waffen feuerbereit zu machen, taten es auch die Bronzehäutigen. ‚Schlagen ihre Herzen auch so schnell?‘, wagte ein Gedanke nahezu freimütig in ihrem vor Panik dröhnenden Schädel umherzuflattern. ‚Ist vielleicht unter ihnen ein Weber wie ich? Jemand muss schließlich all diese …‘
4
„Anlegen!“, riss Eisenhauers nächster Befehl diesem Gedanken die zarten Flügel aus und ließ den eingedrillten Reflex übernehmen. Odette hob das Gewehr und achtete tunlichst darauf, dass der Kolben gegen ihre Schulter gepresst wurde. Ihren Blick richtete sie fest durch das Visier, einen der gefiederten Gestalten anzielend. Wobei sie versuchte sowohl die beiden an ihren Ohren vorbeigerichteten Gewehren der hinter ihr stehenden Kameraden zu ignorieren als auch, dass diese Gestalt vor ihr ebenfalls eine Muskete in ihre Richtung hielt. „Feuer!“, war das letzte, was Odette hörte, bevor ihr Finger sich um den Abzug krümmte. Die Welt um sie herum verschwand im Pulverdampf, welcher ihre Augen zum Tränen brachten. Zugleich bohrten sich die Knalle ihrer Muskete und die der anderen in ihre Ohren, alle anderen Geräusche aussperrend. Doch das Schlimmste fiel zuletzt über sie her, in der dicken Gestalt des Pulverdampfes, der ihr auch in den großen, spitzen Ohrmuscheln brandete und hinein in ihre Gehörgänge floss, um sie zu kratzen. Die Ringe der Kettenhauben auf ihren Ohren klimperten, als diese unkontrolliert zuckten, was wie das Niesen ihrer Nase anmutete. Odette hatte bis zu ihrem ersten Schießtraining gar nicht gewusst, dass ihre Ohren dies konnten.
5
Die wenigen Tränen in ihre Augen versiegten und das Klingeln in ihre Ohren als auch das „Niesen“ stoppten, sodass die junge Wehrsoldatin wieder über das Schlachtfeld blicken konnte. In der feindlichen Linie vor ihr sackten die Soldaten getroffen zusammen, auch der eine, den Odette anvisiert hatte. Hatte sie ihn wahrhaftig getroffen? Vermutlich nicht, denn für eine Soldatin mit nur einem halben Jahr Training war es schon beinahe unmöglich, ein Scheunentor aus der Nähe zu treffen. Sie konnte nur hoffen, dass dies halbwegs auch auf den Feind zutraf, als in dessen Reihen der Pulverdampf aufstieg. Etwas sauste mit einem scharfen Pfeifen über ihre Ohren hinweg, während der Mangel an Glück rechts neben ihr aufheulte. Die erfahrenen Soldaten hatten ihr eingeschärft, nicht zur Seite zu blicken, wenn jemand fiel, sondern immer den Blick nach vorn gerichtet zu halten. Wie immer brach sie diesen gut gemeinten Rat, denn sie konnte nicht anders. Sie blickte nach rechts und sah Simon sich am Boden winden, den linken, verbliebenden Flügel vor der Brust haltend und beide Hände auf das mittlere Glied pressend. Zwischen seinen Fingern quoll nicht wenig Blut hervor. Die Götter hatten einen grausamen Sinn für Symmetrie.
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„Nachladen!“, riss Eisenhauer Odette aus ihrer Starre und ihre rechte Hand wanderte folgsam zu dem Steinschloss ihrer Muskete und zog den Hahn halb zurück, um die Batterie zu heben, auf dass die Pfanne offenbart wurde. Anschließend glitt die Hand hin zu der Patronentasche an Odettes Hüfte, ohne dass sie hinsah. Allerdings begingen ihre Finger den Verrat des Zitterns und weigerten sich, die Tasche vernünftig zu öffnen, sodass ihre Augen keine andere Wahl hatten, als direkte Aufsicht auszuüben. Wobei nicht vermieden werden konnte, dass Odette erneut den am Boden stöhnenden Simon erblickte, dessen schwarze Federn nun rot glänzten. Ihre Standhaftigkeit brach, als sie gerade eine Papierpatrone herausgezogen hatte, denn da bemerkte sie, dass jenes glänzende Rot nun auch die hohen Absätze ihrer Pfotenstiefel küsste. Der Schreck fuhr ihr in die Hand und ließ die Patrone entgleiten, auf dass sie direkt ins Rot fiel. „Nimm eine neue!“, brüllte eine männliche Stimme neben Odette, vermutlich der Soldat, der an Simons Stelle nachrückte.
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Dies befolgend hob die Wolffrau eine zweite Papierpatrone zum Mund und biss sie auf, bis sie das Pulver schmeckte. Mit zitternden Fingern schüttete sie ein bisschen auf die Pfanne, nicht wenig versehentlich danebenschüttend, bevor sie das Papier mit der darin enthaltenden Musketenkugel und dem restlichen Pulver in den Lauf packte. Gerade als sie den eisernen Ladestock aus der Nut im Schaft herauszog, verkündete Eisenhauers nächstes „Bereit machen!“, wie langsam die Wolfsfrau war. Denn es war einfach, die Muskete vor der Schlacht zu laden, wenn man alle Zeit der Welt hatte. Doch in der Schlacht wurde von einer professionalen Soldatin erwartet, dass sie innerhalb einer Minute dreimal einen Schuss abfeuern konnte. Die junge Wehrsoldatin hingegen musste Teutates schon danken, wenn ihr zweie gelangen.
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Allerdings sollte sich zeigen, dass ihr in dieser Schlacht wohl überhaupt keine göttliche Gunst zur Seite stand, denn nachdem sie endlich im Kugelhagel ihre Muskete fertig geladen hatte und in der nächsten Salve den Abzug drückte, klickte der Flint im Kopf des Hahnes nur traurig auf die Pfanne. „Putain de merde!!“, fluchte Odette, begreifend, dass sie nicht genug Pulver auf die Pfanne geschüttet hatte. „Halt still! Öffne die Pfanne! Ich zünde für dich!“, vernahm sie die Stimme des Soldanten rechts von ihr erneut. Doch sie verstand nur die ersten teutonischen Worte, weshalb sie zur Seite blickte. Der Name des blondgeschuppten Echsenmannes war ihr entfallen, doch sie erkannte ihn vom morgigen Küchendienst wieder. Vor allem aber erinnerte sie sich, dass er ein Feuermagier war und somit seine Muskete schlichtweg mit einer magischen Flamme abfeuern konnte. Deshalb wies sein Gewehr auch einen simpleren Aufbau ohne Hahn, Pfanne und auch ohne Batterie auf. Nach dem Stopfen des Laufes musste der Echsenmann nur ein Feuer mit seiner Magie erzeugen. So wie er es tat, als Odette die Pfanne öffnete. Er streckte seinen linken Arm über den nun nur noch leise auf dem Gras wimmernden Simon und ließ aus den Poren seiner Finger magisches Wasser, auch Mana genannt, austreten, welches sich sogleich entzündete. Mit einem raschen Schnipsen wurde eine kleine Flamme auf das Steinschloss von Odettes Muskete geschleudert, zielgenau auf das kleine Loch bei der Pfanne, welches direkt in den Lauf führte, wo das Pulver nur darauf wartete, entzündet zu werden.
Der nächste Teil der Geschichte wird am 27. Februar 2026 veröffentlicht.
Admin - 09:26:52 @ Erzählung, Historische Stücke | 13 Kommentare