o                          
 
Neues aus Mora





 

Blogpost aus Mora


2026-07-03

Die Schlacht bei Parisi – 5. Kapitel - Teil 2

1
„Wenigstens sieht du es ein, dass du dir es selbst eingebrockt hast“, brummte eine tiefe Stimme und Odette sah von den Schultern ihrer Schwester auf. Dort stand er im Türrahmen: ihr Vater. Ein gewöhnlicher Eichhornmann, der hart seinen Lebensunterhalt als Weber verdiente, während er das Leben an sich vorbeiziehen ließ. Ein Mann, der den Kopf gesenkt hielt, anstatt zu kämpfen. Wie ein Eichhörnchen eben, dass sich in seiner Baumhöhle versteckte und den buschigen Schwanz über den Kopf zog, in der Hoffnung, dass der Sturm hinüberziehen würde. Und dabei nicht einsehen wollte, dass es in Wahrheit um einen Brand ging, dem man sich entgegenstellen musste. Ihn löschen musste, da er sonst alles verschlingen würde.
2
„Napoleon, das sind doch nicht wirklich die ersten Worte, die du an unsere Tochter richten willst!“, empörte sich die Mutter, die zusammen mit Odettes Bruder, dem fast erwachsenen Olivier, und der kleinsten Schwester Blanche dem Vater hineinfolgte. Hinter ihnen erschien dann auch noch Mathias, allerdings nicht in Uniform. Sie konnte ihm aber im Moment nicht viel Aufmerksamkeit schenken, denn diese war von dem Gehabe ihres Vaters an sich gerissen worden, der wütend auf ihren verdeckten Stumpf deutete: „Genau das wollte ich verhindern! Dass dir etwas passiert, Odette! Warum konntest du nicht auf mich hören?“ „Weil es feige gewesen wäre!“, antwortete Olivier, wobei er seinen buschigen Schwanz wie eine Keule umherschlug. „Ohne sie hätten wir keine Weberei mehr, Vater.“ Er ballte die Faust. „Ich hätte mit ihr gehen sollen!“ „Oh, ihr Götter, warum verwehrt ihr meinen Kindern den Verstand?“, entfuhr es dem Vater laut, was die kleinste Schwester Blanche erschrocken sich hinter dem Rock ihrer Mutter verstecken ließ, sodass nur ihr wuscheliger Welpenschwanz hervorschaute. „Warum wollt ihr es nicht verstehen? Ich habe euch alle doch nur beschützen wollen!“
3
„Mein Herr, bitte senken Sie Ihre Stimme“, ergriff überraschend Mathias das Wort und trat inmitten des Raumes, direkt vor das Bett. Sofort richtete sich der väterliche Zorn auf ihn: „Du hältst dich schön heraus! Du bist nicht ein Sohn dieser Familie!“ „Das mag sein“, erwiderte Mathias ruhig. „Doch Ihre Tochter ist meine Patientin. Deshalb muss ich Sie sehr darum bitten, Ihre Stimme zu senken. Oder das Zimmer zu verlassen.“ „Was erlauben …“, wollte sich Odettes Vater schon empören, doch die Worte blieben ihm im Hals stecken. Denn der Blutmagier ließ die Wut an sich mit derselben grimmigen Entschlossenheit abprallen, mit der er sich auch den Schergen des Pharaos entgegenstellte. Dagegen kam ein feiger Weber nicht an. Weshalb Odettes Vater sich umwandte und einfach aus dem Zimmer stampfen wollte. „Vater, nein, geh bitte nicht“, keuchte Odette, was ihn stehen bleiben ließ. „Ich … Wir haben uns beiden viel zu sagen. Viel Ungutes. Doch das kann noch warten und wir müssen uns jetzt nichts sagen.“ Da drehte sich ihr Vater zu ihr um, sodass er sehen konnte, wie sie ihre zitternde Arme erhob, sie flehend nach ihm ausstreckte: „Wir brauchen doch keine Worte, um auszudrücken, was uns wirklich bewegt …“ Sie brauchten diese wahrhaftig nicht, denn sogleich war er bei ihr, umarmte sie und legte sogar seinen buschigen Schwanz um sie, so wie er es immer getan hatte, wenn es beim Vorlesen der Gutenachtgeschichte kalt im Haus war.
4
„Ich sah sicher abstoßend aus, nicht wahr?“, fragte Odette, etwas bibbernd auf dem Bett sitzend, die Decke zurückgeschlagen habend. „Bitte was?“, wunderte sich Mathias, von seiner Untersuchung aufsehend. „Mein Bein … mein Stumpf …“, konkretisierte sie und sah herab auf ihr linkes Bein. Eine Wunde prangte nicht mehr dort, wo einst ihr Unterschenkel mitsamt den Pfotenfuß saß, doch die Haut war darüber auf eine unschöne Art gewachsen. Ein bisschen so wie bei einem Kleidungsstück, welches von einem Schneider genäht wurde, der nicht ihre Maße gekannt hatte. Davon zeugte auch eine hässliche Naht, eine Narbe. „Es war eine gewaltige Entzündung gewesen“, gestand Mathias ein. „Sie hätten selbst Thor achtsam werden lassen. Vor allem da wohl auch er und die anderen Götter nicht einmal wissen, was deinen Körper so alles anfiel. Du warst ja nicht nur in Schlamm, sondern auch im Blut dieser Mörderechse gebadet. Sicher hat sie alle mögliche Krankheiten von jenseits des Meeres des Atlas hinübergeschleppt. Und dann hat auch noch ein Drache deine Wunde so stümperisch ausgebrannt. Ich sollte mal dringend mit eurem Petite Houilles ein ernstes Wörtchen reden.“  Die Miene des Blutmagiers wurde düster: „Aber nicht, solange der trauert. So sehr, wie wir …“ „Du meinst etwa …“ „Ja, Grande Houilles ist tot. Er liegt noch immer auf dem Schlachtfeld und sein Sohn weicht nicht von seiner Seite.“ „Das ist furchtbar“, stieß Odette aus und ihr kamen die Tränen. Mathias ergriff tröstend ihre Hand: „Das ist es. Doch wisse, dass man sich gut um Petite Houilles kümmert.“ Ein trauriges Lächeln. „Er frisst fleißig die Rinder des Königs.“ „Des Königs?“ „Ja, er hat beide Drachen zu Helden Wendels erklärt. Die Wyverreiter aus Okthun hat er sogar als Ehrenwache hiergelassen, damit niemand die Totenruhe Grande Houilles stört.“
5
„Odette, ich habe hier leckeren Eintopf für dich!“, kam Camile mit einem Tablett in den Händen ins Zimmer hineingeträllert. „Du muss sicher einen Bärenhunger haben.“ „Und ob ich ihn habe“, erwiderte Odette, dankbar für die Ablenkung. Als man ihr vorsichtig das Essen auf den Schoß setzte, tauchte sie sogleich ungläubig den daneben liegenden Löffel ein. Dies war ein Eintopf so reichlich gefüllt mit Fleisch und Gemüse, man könnte fragen, ob er überhaupt Wasser enthält. „Kann ich das denn wirklich alles essen?“, fragte sie zaghaft. „Bleibt da noch etwas für euch andere übrig?“ „Lange ruhig zu, Odette“, ermutigte ihre kleine Schwester sie. „Die Hungerzeiten sind vorbei.“ „Ja, jetzt wo die Kemeten weg sind, hat sich auch ihre Blockade aufgelöst, sodass Schiffe aus dem Rest der Allianz Essen zu uns bringen können“, fügte Mathias hinzu. „Ständig laufen Schiffe aus dem Hellenischen Reich ein. Und aus Kush, seinem Titel als Kornkammer der Allianz gerecht werdend. Latifa hat es sogar irgendwie geschafft, für deine ganze Heimatstadt eine Riesenladung Kaffee zu organisieren. Ich glaube, sie zieht hier gerade eine neue Trinkkultur hoch.“ „Latifa? Ist sie etwa hier?“ „Nicht heute“, antwortete ihre kleine Schwester, welche ganz große Augen bekam und freudig mit ihren Ohren wackelte. „Doch sie kam uns mehrmals besuchen. Sie sprach zwar kein Wort Gallisch, doch sie hat für uns getanzt und gesungen. Und ganz viel Kaffee für Mama und Papa gebrüht. Sag, Odette, ist sie eine Prinzessin aus dem Morgenland?“ „Für mich ist sie zumindest eine Kriegerprinzessin“, lächelte Odette und warf einen fragenden Blick zu Mathias: „Sie hat mir doch das Leben gerettet, oder?“ „Das hat sie“, nickte Mathias, erwähnte aber schlauerweise nicht, wie. Das Bild, wie dem Drachenreiter den Kopf von hinten nach vorn zerschossen wurde, wollte Odette nicht mit ihrer kleinen Schwester teilen. „Sie wird es kaum erwarten, dich endlich sehen zu können“, sprach der Blutmagier weiter. „Sicher wird sie morgen mit Eisenhauer vorbeikommen.“ „Der Offizier kommt?“, erfuhr es Odette und sie setzte sich kerzengerade und mit strammen Schultern im Bett auf. „Hast du ihn etwa schon von meiner Genesung berichtet?“ „Nein, es war schon seine Absicht, morgen zu kommen“, schüttelte der Blutmagier den Kopf. „Er hat etwas mit deinem Vater zu bereden. Oder eher mit dir, jetzt wo deine Augen offen sind.“ „Wirklich? Was denn?“ „Das darf ich dir nicht verraten“, meinte er verschmitzt und tauschte mit Camile einen geheimnisvollen Blick aus.
6
Da sich weder Mathias noch der kleinen Schwester etwas entlocken ließ, blieb Odette nichts anderes übrig, als ihren Eintopf zu essen und auf den Offizier zu warten. Welcher am nächsten Tag zusammen mit Latifa und Diego sie besuchen kam. Anders als der auch wieder im Zimmer anwesende Mathias trugen sie allesamt Uniform und vor allem Eisenhauer machte mit seiner strengen Miene den Eindruck, als würde der Krieg noch irgendwo lauern, auf den günstigen Moment für eine Rückkehr wartend. Deshalb fiel es der geplagten Wolffrau umso deutlicher auf, wie sehr sich die Züge des Offiziers aufhellten, als er an ihr Bett trat. Beinahe schon auf eine väterliche Art und Weise, sodass Odette sich fragte, wie es wäre, einen tapferen Mann wie ihn als Vater zu haben, anstatt einen feigen Weber. Doch dann musste sie sich selbst fragen, ob sie denn überhaupt eine passende Tochter wäre.

Der nächste Teil der Geschichte wird am 17. Juli 2026 veröffentlicht.

Admin - 09:30:56 @ Erzählung, Historische Stücke