2026-07-17
1
„Wie geht es der tapfersten aller meiner Soldatinnen?“, lautete nämlich die von Mathias übersetzte Begrüßung des alten Offiziers, der zuerst ihr salutierte, bevor er sich in einer festen Bewegung auf einen Stuhl niederließ. Darauf konnte sie nur antworten: „Schlecht, aber es geht bergauf. Doch Sie können mich doch nicht tapfer nennen, Offizier. Wir beiden wissen, dass ich Fahnenflucht beging.“ „Du und die halbe Flanke“, brummte der Offizier und sein Schnurrbart bebte ungewöhnlich offen frustriert. Dies ließ Odette zusammenzucken, auch wenn sie spürte, dass diese Frustration eine Granate war, die die Schuld nicht nur ihr allein entgegenschleuderte. „Die Schlange hat uns vollkommen überrascht und uns so rasch den Boden unter den Füßen weggespült“, erklärte der Offizier, wobei seine stramme Haltung sich versteifte. Sein Körper erinnerte sich wohl gut an die Anspannung, die selbst ein erfahrener Offizier verspürt haben musste. „Nur gut, dass keiner von euch wusste, dass es sich um eine zweite Schlange handelte.“ „Eine zweite?“, wiederholte Odette entsetzt. „Aber man sagte doch …“ „… dass nur eine gefiederte Schlange des Pharaos in Mora wäre“, nickte Eisenhauer. „Ich weiß nicht genau, was hier von statten ging. Als Offizier werde ich nicht zu tief in den Schlachtplan eingeweiht. Doch man hört so einiges und dies zusammengereimt deutet daraufhin, dass die zweite Schlange wohl aus Echnaton kam.“ „Sie meinen doch nicht etwa, dass sie über das Meer des Atlas geflogen ist?“, versuchte Odette zu begreifen. Der Offizier hob ratlos die Hände, was sie bei ihm zum ersten Mal sah: „Wahrhaftig unvorstellbar. Es handelt sich hier schließlich um Tausende von Kilometern, für die man mit Schiff viele Wochen braucht. Selbst wenn ein Drache nur Tage für so eine lange Reise braucht, dürfte er sie nicht am Stück schaffen. Es geistert die Vermutung herum, dass die Schlange und ihr Reiter bei der Überquerung des Ozeans mehrmals auf Inseln unter kemetischer Kontrolle gelandet waren, um zu rasten.“ „Denn auch so waren sie schneller gewesen als jede Warnung, die uns hätte erreichen können“, mutmaßte Mathias weiter, was Eisenhauer benickte: „Sodass wir unbemerkt in unsere eigene Falle gelockt wurden. Welche darin bestand, dass eine besonders große Hauptstreitmacht das Zentrum des kemetischen Heeres unter Druck setzt, damit die geglaubt einzige Schlange herausgelockt würde.“ „Auf das die Wyverreiter sie töten“, mutmaßte Odette, womit sie laut dem Offizier halb Recht behielt: „Nicht nur sie. Man hatte allerlei Kriegsgerät für diesen Zweck herbeigeholt. Wie unter anderem die iberische Höllenstechern.“ „Meinen Sie etwas damit diese Raketen an Stäben?“, wunderte sich Odette, sich an die Soldaten erinnern, die mit solchen wie Speere herumstolziert waren, oftmals die iberische Flagge an der Rakete befestigt flattern habend. „Genau die“, meldete sich Diego zu Wort. „Ich habe eine Demonstration mit eigenen Augen gesehen. Wenn entzündet, fliegt die Rakete wie ein Vogel in die Ferne und sprengt bei seiner Ladung ein ganzen Fleckchen Erde. Eine Waffe, die den Teufel selbst entzücken würde.“ „Sehr groß sahen die Raketen aber nicht aus“, zweifelte Odette. „Konnten die wirklich einem Drachen etwas anhaben?“ „Einen Drachen mögen sie nur die Schuppen ankratzen, aber einem Drachenreiter konnten sie mühelos zerfetzen“, erklärte Eisenhauer. „Man lockte die Schlange in eine Falle, indem man ihre Aufmerksamkeit auf ein Farmhaus in entscheidender Position lenkte, in dem sich ein paar unserer mutigsten Soldaten verschanzt hatten. Als sie das Haus angriff, sprangen um sie herum die Höllenstecher aus ihren Versteckten hervor und schossen die Raketen auf sie ab. Aus jeder Richtung einen Knall abzubekommen, stürzte die Schlange in Verwirrung und als noch ein Glückstreffer ihren Reiter zerfetzte, war sie leichte Beute für unsere Kanonen gewesen. Ein glorreicher Sieg, welcher aber der Hauptstreitmacht nicht vergönnt gewesen wäre, wenn die andere Schlange die Flanken gebrochen hätte. Denn dann wäre die Hauptstreitmacht von drei Seiten her angegriffen und besiegt worden.“
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„Der Pharao hatte uns also mit einer zweiten Königin überrascht“, murmelte Odette, worauf Mathias, anstatt zu übersetzen, fragte: „Wie meinen?“ „Wie beim Schach“, erklärte sie, gerade als Latifa mit einem Tablett hereinkam, auf der die goldene Kanne stand. Anscheinend hatte sie sich zum Kaffeekochen entschlossen, wohl weil sie aufgrund ihrer beschränkten Sprachkenntnisse sich nicht so gut am Gespräch beteiligen konnte. Odette befürchtete schon, sie müsste undankbar erscheinen, da ihr nicht wohl genug war, um ein aufputschendes Getränk zu sich zu nehmen. Doch als die blauschuppige, braunhäutige Lamia in goldener kuschener Uniform ihr eine Tasse eingoss, roch die Wolffrau, dass es sich wohl um Tee handelte. Nun nahm sie freudig die goldene Tasse entgegen, gespannt, war für ein exotischer Geschmack sie erwartete, während sie weiter erklärte: „Beim Schach gibt es doch die Regel, dass man eine zweite Königin bekommt, wenn man einen Bauern zum Rand bringen kann.“ „So ist es“, bejahte Eisenhauer. „Und der Pharao hat durchaus uns in ein tödliches Schach manövriert.“ Er lächelte. „Glücklicherweise hatten wir aber eine tapfere Bäuerin, die im richtigen Moment zu unserer eigenen Königin wurde. Dir ist es mit zu verdanken, dass wir die Schlacht am Ende doch noch gewinnen konnten.“
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„Ist es? Was habe ich denn aber erreicht?“, musste Odette ihre Verwirrung zum Ausdruck bringen, nachdem sie sich einen Schluck gegönnt hatte. Der Tee schmeckte fruchtig und etwas säuerlich. „Ich versuchte mich an die Schlacht zu erinnern, kann aber keinen Sinn finden. Der Drachenreiter war doch unversehrt, hätte mich mühelos erschlagen. Die Schlange sollte die Kugel doch kaum gespürt haben.“ „Aber sie wurde abgelenkt. Indem du den Drachenreiter erschrakst“, offenbarte Eisenhauer ihr. Dies erleuchtete sie aber nicht sehr, sodass sie ihn nur noch fragender ansah, die Tasse auf halber Höhe haltend. Der Offizier räusperte sich: „Du hast vielleicht gehört, dass die Seelen der Drachenreiter mit denen ihrer Reittiere verbunden sind. Mithilfe eines alfisches Artefaktes, glaube ich.“ „Nein, das wusste ich nicht“, gestand Odette. „Gewundert hatte ich mich aber hingegen, wie man denn einen Drachen befehlen könnte, während man wie ein Floh an ihm hängt.“ „Durch eine Seelenverbindung, so wie ein Seelenmagier sie zu einem schaffen kann“, erklärte Eisenhauer weiter. „So soll der Reiter den Leib des Drachens wie seinen eigenen lenken können.“ „Wenn der Reiter also zusammenzuckt, weil nahe ihm eine Kugel gegen die Schuppen scheppert …“, begriff Odette. „… dann tut es auch der Drache.“ „Wodurch er abgelenkt war, auf das Grande Houilles eine letzte Gelegenheit bekam“, nickte der Offizier. Er verschränkte etwas schwermütig die Armen: „Er wusste wie ein erfahrener Soldat, sie vollkommen zu nutzen. Womit er uns die Hintern rettete, denn so wie die gefiederte Schlange unsere Leute mit ihrem Anblick in Angst und Schrecken versetzte, so starb der Mut des Feindes mit ihr. Sie ließen sich wie Hasen davonjagen. Wenig später sollte dann auch unsere andere Flanke sich der Kemeten erfolgreich erwehren können. Vermutlich dämmerte es diesen Schergen des Pharaos, dass ihr Drachen nicht kommen würde.“
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„So wie Sie es berichten, mutet das Ganze wie ein wahres Wunder an“, murmelte Odette beklommen. Dass ihr Sieg allein deswegen ihnen vergönnt gewesen war, weil ein eigentlich menschenscheuer Drache sich wegen seines Sohns einmischte, behagte ihr als Vorstellung überhaupt nicht. „Alle Götter Moras müssen ihre gesamte Gunst für uns ausgeschüttet haben. Vermutlich kommen zum Ausgleich ein paar Hungerjahre auf uns zu.“ „Hier in Wendel wohl tatsächlich“, merkte Mathias, ihre Beklemmung teilend. „Der Krieg mag gegangen sein, doch das Schuften und Leiden wird uns noch eine Weile begleiten.“ „Nur gut, dass wir tapfere Helden wie euch beiden haben“, meinte hingegen der Offizier, sich optimistisch am Schnurrbart ziehend. „Vor allem du, Odette, hast größte Tapferkeit gezeigt angesichts großer Gefahr und schwerer Verletzung. Das wiegt deine einmalige Feigheit auf, zumal der König sowieso verfügt hat, dass zur Feier niemand wegen Fahnenflucht belangt werden soll. Deswegen brauchst du dir also keine Sorge machen. Was mir sehr gelegen käme, denn wir haben dir ein paar Dinge mitgebracht, um dir eine Freude zu machen.“ „Was für Dinge?“, fragte Odette neugierig, worauf der Offizier zuerst erklärte: „Bevor ich es verrate, will ich dir noch eines sagen: Ziemlich deutlich hast du gesagt, dass du nach dem Krieg nichts mehr dem Militär zu tun haben willst. Das respektiere ich und würde es deshalb auch verstehen, solltest du keine dieser Trophäen haben wollen.“ „Nun, ich will es mir zumindest ansehen, bevor ich es nicht haben will“, meinte Odette, worauf der Offizier nickte: „Nun gut. Diego, bring den Karabiner.“ Der Iberer tat wie geheißen und sogleich kam er mit demselben Gewehr in den Händen herein, mit dem Odette den entscheidenden Schuss abgefeuert hatte. „Wir haben etwas an ihm herumprobiert“, erklärte Mathias. „Der Mechanismus des Steinschloss ist derselbe wie bei unseren und auch die Kugeln passen hinein.“ „Gut zu wissen, auch wenn ich lieber nie wieder ein Gewehr abfeuern will“, überlegte Odette und lächelte dann. „Doch es sollte sich gut über dem Kamin machen.“
Der letzte Teil der Geschichte wird am 31. Juli 2026 veröffentlicht.
Admin - 09:06:29 @ Erzählung, Historische Stücke