2026-08-14
Hinweis: Dies ist eine erotische Geschichte.
Die maskierte Schlange
1
„Aua, mögen die Götter den Schnitzer des ersten Stuhls in die Untiefen des Tartaros werfen!“, fluchte Uriel laut, als beim Herumgeistern im Haus sein langer Beinschwanz im Rausch der Unachtsamkeit gegen einen Hocker stieß. Jener rächte sich jäh mit einem Umfallen, die hölzerne, runde Sitzfläche hart in seine Schuppen einschlagen lassend. Es wurde dem Lamius zu viel: Seit Wochen schob er jeden Tag die Möbel hier umher, um Platz für seine fünf Meter lange Gliedmaße zu schaffen, und dann war doch noch immer ein Stuhl oder ein Tisch im Weg. Rachsüchtig wand sich der peitschende Schwanz – das dünne, zwei Meter lange Stück mit der Spitze – um ein Bein des Hockers und zog ihn heran, sodass der tragende Schwanz – die restlichen dicken und kräftigen drei Meter, die ab der Hüfte begannen – ihn umschlingen und zerdrücken konnte.
2
Doch im letzten Moment ermahnte dann doch die Beherrschung Uriel und bewahrte so den Hocker vor dem Dasein als Kleinholz. Solch Vandalismus wäre ein grässlicher Undank gegenüber seinem Onkel, der ihm so großzügig sein kleines Landhaus geliehen hatte, damit er sich einmal während der sommerlichen Semesterferien frisch die Seele freibaumeln konnte, bevor es zurück an die Akademie ging, um die Abschlussarbeit zu schreiben. Das kleine Häuschen, das auf dem Ring des Sohnes in einem kleinen Wäldchen fern von der Großstadt Vitrois stand, war an sich auch recht heimselig. Aber eben auch in seinen Räumlichkeiten etwas knapp bemessen. Man merkte, dass es alt war und dass es unter seinen Vorfahren auf der mütterlichen Seite der Familie keine mit Beinschwänzen oder Flügeln gegeben hatte.
3
Seufzend verschonte Uriel den Hocker und blickte stattdessen sehnsüchtig aus dem Fenster hinaus. Da das Häuschen nahe dem Rand des Ringes des Sohnes stand, bot sich einem ein Blick über die Ränder der zwei anderen, inneren Ringe hoch zu der Fontänensäule der Quelle an. Kraftvoll bohrte sich das in einem fließenden Strom hochgeschossene, grün leuchtende Wasser in die frühabendliche Himmelsdecke, das Grau dieses regnerischen Tages durchbohrend. Normalerweise ein atemberaubender Anblick, noch weiter unterstrichen durch den ebenfalls grün leuchtenden Regen, dessen Tropfen wie Funken gegen die Fensterscheibe klopften. Doch an diesem Abend war Uriel allein für die Düsternis eines regnerischen Abends in einem Spätsommer empfänglich, der langsam, aber stetig zum Herbst verwelkte.
4
‚Sie wird nicht kommen‘, lautete der Gedanke, der Uriel trieb. Erneut seufzte er und blickte hoch zu den Wolken, obwohl er wusste, dass er garantiert keine geflügelte Gestalt mehr sehen würde. Bei solch einem Wetter flog keine geflügelte Botin mehr. Selbst wenn sie also einen Brief für ihn hätte, sie würde ihn heute nicht mehr ausliefern und stattdessen, falls sie noch nicht ihre Postroute zu Ende geflogen hatte, woanders Zuflucht vor dem Regen suchen.
5
Es war aber vermutlich sowieso besser so, dass der Lamius sie nicht noch einmal sah. Denn auch wenn sie scheinbar gern seine Angebote für einen gemeinsamen Tee annahm und wohl auch ihre Plaudereien genoss, so durfte er nicht vergessen, dass letztendlich ihr Brotverdienst der Grund gewesen war, warum sie ihn aufsuchte. So sehr sich Uriel auch erhoffte, dass ihr strahlendes Lächeln mehr gewesen war als die Fröhlichkeit einer munteren Postbotin, die jedem ihrer Postkunden vergönnt war, so musste er dringend einsehen, dass wohl allein seine Seele Funken schlug. Und auch wenn es normal war, Fantasien zu hegen, so musste er tunlich achten, dass sie nicht zu einem Wahn heranwucherten.
6
Ein Vorsatz, der leichter gefasst als eingehalten werden konnte. Denn es klopfte an der Tür und seine Fantasien fingen sogleich an eifrig zu wuchern. Hastig schlängelte Uriel zu der Tür, aber nicht nur wegen seiner Hoffnung. Denn wer auch immer da draußen steht, drohte in diesem Regen zu ertrinken. Ihn nicht hereinzulassen, würde an unterlassene Hilfeleistung grenzen. Deshalb riss Uriel sofort die Tür auf. Und da stand sie: Pauline. Ihre großen, ledernden Schwingen hatte sie wie einen behelfsmäßigen Umhang um sich selbst herum gelegt, der vom Quellregen durchnässt grün leuchtete. Ihre, mit einem Kinnriemen gesicherte, knallgelbe Postmütze klebte wie ein nasser Lappen zwischen ihren gewaltigen, weit über die Kopfdecke hinausragenden Ohren, von deren Muschelrändern dicke, grüne Tropfen abperlten. „Guten Abend, Uriel“, grüßte Pauline, ihn anlächelnd. Hierbei trommelten ein paar Regentropfen gegen ihr linkes Auge, sodass es sich aus Reflex verschloss, der Miene eine gequälte Note gebend. „Meine Güte, Pauline!“, entfuhr es Uriel und sein Beinschwanz schob den Torso wie von selbst heraus, sich nicht um den Regen scherend, sodass er ihr an den einen Mittelflügel fassen konnte. „Komm herein, sonst wirst du noch weggeschwemmt.“
7
„Ich dachte, ihr Postboten fliegt nicht bei einem solch scheußlichen Wetter“, wunderte sich Uriel, während er Pauline hereinzog und anschließend die Tür schloss, was sich als nicht ganz einfach erweis, denn auch der Wind wollte hinein. „Tun wir auch nicht. Zu gefährlich“, bestätigte die Flederfrau. „Der Regen überraschte mich auf halbem Weg. Musste landen und den Rest zu Fuß laufen.“ Langsam öffnete sie ihren Ledermantel, wohl um nicht die Regentropfen überallhin zu verteilen. Darunter kam ihre schmucke, hellgelbe Postuniform zum Vorschein, die aber ebenfalls klatschnass war. Die Schwingen taugten wohl kaum als Regenmantel. Und konnten auch nicht die Posttasche schützen, welche triefte. „Oh, je, die Post ist wohl hinüber“, meinte Uriel, doch die Flederfrau gab Entwarnung, während sie diese ihm reichte: „Keine Sorge, die ist leer.“ Dies kam dem Lamius komisch vor, während er die Tasche wegstellte, doch er fragte nicht, da es Wichtigeres im Moment gab. „Du muss raus den nassen Klamotten“, überlegte Uriel laut und murmelte hinterher: „Wo aber genau …?“
8
Naheliegend wäre natürlich das Bad, doch in dem Fall kam es nicht infrage. Wie alle anderen Zimmer, bot auch das Badezimmer nur wenig Platz. Viel zu wenig, als dass Pauline hätte ihre Schwingen ausweiten können, um sich auszuziehen und anschließend zu trocknen. „Geh rasch in das Esszimmer“, wies der Lamius die Flederfrau mit einem Fingerzeig an. „Ich bringe dir sofort Handtücher.“ „Sollte ich wirklich?“, fragte Pauline zögerlich. „Ich tropfe dir alles voll.“ „Mach dir keinen Kopf darum“, winkte Uriel ab, bereits in Richtung des Badezimmers schlängeln. „Die Dielen kann ich nachher trockenwischen.“
Der nächste Teil der Geschichte wird in zwei Wochen am 28. August 2026 veröffentlicht.